Innenpolitik

IV will Wirtschaftswissen schon in Volksschule

Geht es nach der Industriellenvereinigung (IV), sollen Österreichs Jugendliche am Ende der Schulpflicht nicht nur gut Lesen, Schreiben, Rechnen und mit Digitalen Medien umgehen können, sondern sich auch in Wirtschaftsfragen auskennen. Dafür sollen sie "keine BIPs auswendig lernen", aber ab der Volksschule altersgerecht in das Thema eingeführt werden, fordert IV-Bereichsleiter Christian Friesl.

Kinder sollen schon in der Volksschule lernen, was ein Beruf ist SN/APA/HANS PUNZ
Kinder sollen schon in der Volksschule lernen, was ein Beruf ist

"Bei Acht- und Neunjährigen denke ich nicht an Zinseszinsrechnungen", betont der Leiter des Bereichs Bildung und Gesellschaft der IV im Gespräch mit der APA. "Aber sie sollen wissen, was ein Beruf ist, was Geld ist, dass es auf dieser Welt arme und reiche Menschen gibt und was die Hintergründe sind." Das sei im Sachunterricht im "Erfahrungs- und Lernbereich Wirtschaft" zwar schon vorgesehen. "Ich würde mir aber wünschen, dass Schüler all das unter dem Aspekt lernen, dass es auch etwas mit Wirtschaft und mit ihrem eigenen Handeln zu tun hat." Nach der Volksschule könne sich mehr lebensnahes Wirtschaftswissen dann auch positiv auf das Thema Schulwahl und Berufsentscheidung auswirken.

Derzeit liegt beim Wirtschaftswissen laut Friesl einiges im Argen - und zwar besonders in der Pflichtschulzeit, aber auch danach. Die Vermittlung beginne zu spät, der Unterricht liefere zu wenig Know-How, vor allem weil den Lehrern zu wenig Zeit für das Fach zur Verfügung stehe.

"Unser Ziel ist der mündige Bürger", sagt Friesl. Die Schüler sollten lernen, dass ihr gesamtes Handeln - vom Zähneputzen in der Früh bis zum Zähneputzen am Abend - mit Wirtschaft zu tun hat und wie sie ihr Leben auch wirtschaftspolitisch mitgestalten können. Das sei keinesfalls ein Programm für Neoliberalismus, wie er betont. "Wir wollen einen Beitrag leisten, dass Jugendliche besser lernen, unternehmerisch zu denken - und vielleicht auch Unternehmer zu werden."

Bei Wirtschaftswissen, wie es der IV vorschwebt, geht es nicht nur um Basiswissen im Großen (Wie funktioniert Wirtschaft in Zeiten der Globalisierung?) wie im Kleinen (Ist ein Null-Euro-Handy wirklich gratis?), sondern auch das Vermitteln entsprechender Haltungen und Kompetenzen. "Es geht um unternehmerisches Denken, Risikobereitschaft, bis hin zu Grundideen von Projektmanagement", erklärt Tina Dworschak aus dem Bereich Bildung und Gesellschaft der IV. "Unser Anliegen wäre, dass man sich möglichst perspektivenreich, divers und auch kritisch mit Wirtschaft auseinandersetzt, mit dem erklärten Ziel, sich als mündiger Bürger in dem System zurechtzufinden."

Ein eigenes Fach Wirtschaftskunde braucht es dafür aus IV-Sicht nicht unbedingt. "Wir würden uns mehr Kooperation mit dem Nachbarfach wünschen, einen Unterricht in Fächerbündeln und ein Abkommen vom Denken in Fächern und Werteinheiten - und zwar nicht nur bei Wirtschaftsbildung, sondern auch etwa im MINT-Bereich (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, Anm.)", sagt Friesl. Sollte wider Erwarten auch nach der von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) angekündigten Lehrplanreform das einzelne Fach entscheidend sein, werde man sich aber auf jeden Fall für ein eigenes Fach Wirtschaftsbildung einsetzen.

Die Lehrpläne sind für Dworschak allerdings ohnehin nicht das Problem. "Es ist sehr viel festgeschrieben, aber man muss dafür sorgen, dass es auch im Unterricht ankommt." Viel entscheidender wären die Unterrichtsmaterialien: Hier hätten Analysen gezeigt, dass in Schulbüchern trotz zweijährigem Approbationsprozess grobe Fehlinformationen - auch mit ideologischer Schlagseite - stehen. Künftig soll immerhin die Kommission nicht mehr nur aus Fachlehrern, sondern auch einem externen Wissenschafter bestehen. Dazu kommt als massiver "Blind Spot" der Bereich digitaler Unterrichtsmaterialien, die individuell kursieren: "Die Frage, wie hier Qualitätssicherung passieren kann, ist völlig offen", schildert Dworschak.

Auch beim Zugang der Lehrer zu Wirtschaft hapert es aus Sicht der IV. "Das wollen wir aber nicht als Pädagogen-Bashing verstanden wissen", betont Dworschak. "Das ist bis zu einem gewissen Grad systemimmanent, weil das Verständnis für einen eigenständigen Inhalt Wirtschaftsbildung fehlt." Die IV möchte den "Kreislauf Schule-Uni-Schule" durchbrechen, indem - wie von der Politik schon lange angekündigt - mehr Quereinsteiger ins System gebracht werden. Außerdem soll unter dem Titel "Community Learning" der Austausch zwischen Bildungseinrichtungen und ihrem Umfeld (etwa auch Unternehmen) stärker institutionalisiert werden.

Hoffnung setzt die IV auch in die neue Lehrerausbildung, bei der Geografie und Wirtschaftskunde nun zu gleichen Teilen vermittelt werden. Friesl: "Wenn es gelingt, das allgemeine Bewusstsein zu stärken und die Pädagogen zu gewinnen, wird Wirtschaftsbildung mehr Raum bekommen."

Quelle: APA

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