Innenpolitik

Kardinal Schönborn wurde selbst sexuell belästigt

Kardinal Christoph Schönborn hinterfragt in der aktuellen Missbrauchsdebatte die kirchlichen Strukturen und betont die Gefahr, dass sich ein Pfarrer vermeintlich mehr leisten dürfe als andere. Gleichzeitig berichtet er in einer Dokumentation des "Bayerischen Rundfunks", selbst Opfer eines Übergriffs gewesen zu sein.

Schönborn kritisiert kirchliche Strukturen SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Schönborn kritisiert kirchliche Strukturen

In dem rund 40 Minuten langen Beitrag mit dem Titel "Missbrauch in der katholischen Kirche: Eine Frau kämpft um Aufklärung" führen die ehemalige Ordensfrau Doris Wagner und Kardinal Christoph Schönborn ein intensives und laut BR "außergewöhnliches" Gespräch.

In ihrem Buch "Nicht mehr ich. Die wahre Geschichte einer jungen Ordensfrau" hatte Wagner 2014 über Missbrauchserfahrungen in der Gemeinschaft "Das Werk" berichtet. Sie war Mitglied der Gemeinschaft und berichtet, wie sie als Ordensfrau spirituell wie auch sexuell missbraucht und belästigt wurde. In der Kirche stieß sie lange Zeit auf taube Ohren.

In dem Gespräch sagt Wagner: Ihrer Meinung nach werde Missbrauch durch einen einfachen Grund ermöglicht: "Ein Machtungleichgewicht. Sobald es in einer Beziehung an Augenhöhe fehlt, wird diese Beziehung anfällig dafür, dass es Missbrauch gibt."

Schönborn hält grundsätzlich fest, dass es Strukturen und System gebe, die Missbrauch begünstigten: "Der Priester ist sakral, ist unberührbar, der ist Herr Pfarrer. Wenn dieses Priesterbild vorherrscht, ist natürlich Autoritarismus die ständige Gefahr. Der Pfarrer bestimmt alles. Es ist die Gefahr, dass der Pfarrer sich mehr leisten darf als die anderen", erklärte Schönborn. Die gesamte Missbrauchs-Debatte werde die Frage der Frau in der Kirche in ein neues Licht stellen.

Schönborn spricht in der Dokumentation auch von einem Pfarrer, der versucht habe, ihn in seiner Jugend zu küssen. "Er wollte mich auf den Mund küssen. Er hat es nicht aktiv versucht, aber er hat es verbal angesprochen." Schönborn beschrieb dies als "verwirrende Erfahrung".

Zu den emotional stärksten Momenten der Dokumentation gehört, als Wagner Schönborn darum bittet, ihr zu glauben. "Ich habe so oft meine Geschichte erzählt, Anzeige erstattet und so weiter. Ich habe von niemandem in meiner Gemeinschaft gehört: ,Wir glauben dir und das hätte dir nicht passieren dürfen.' Könnten Sie mir das sagen?" Schönborn erwidert, dass er ihr Buch gelesen habe und: "Ich glaube Ihnen das."

Die beiden sprechen auch darüber, dass Papst Franziskus Ende Februar 2019 zu einer Missbrauchskonferenz nach Rom lädt. Schönborn erklärt: "Ich werde da dabei sein, habe mir lange überlegt, warum wartet er so lange damit? Was soll das bringen? Mein inneres Bild ist jetzt: Ein gemeinsamer Bewusstseinsstand, das ist die erste Voraussetzung, im Blick auf meine eigene Erfahrung. Es braucht zuerst ein Bewusstsein, das Bewusstsein ist nicht da."

Wagner sagte, es wäre schön, wenn die Bischöfe zu den Opfern kämen, auf Märschen mitliefen, sich verabredeten und ihnen zuhörten.

Schönborn sagte gegen Ende der Dokumentation: Er habe Hoffnung, weil er glaube, "dass durch alle dieses schreckliche Leid und das viele Unrecht, das geschehen ist, das viele Unverständnis, ein Heilungsprozess geschehen kann, der hoffentlich auch die Kirche wirklich erneuert".

Quelle: Apa/Dpa/SN-Ham

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