Innenpolitik

Karmasin legt Konzept für Bildungskompass vor

Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) hat nun das Konzept für den Bildungskompass vorgelegt, der die Entwicklung jedes Kindes ab dem Alter von dreieinhalb Jahren dokumentieren soll. Wie viel das Ganze kostet und ob es zusätzliches Personal braucht, ist allerdings noch offen. Die Verhandlungen mit den Ländern will Karmasin ab Ende September angehen, kündigte sie am Donnerstag im APA-Gespräch an.

Karmasin legt Konzept für Bildungskompass vor SN/APA/ROLAND SCHLAGER
"Nicht nur ein A4-Blatt, wo man irgendetwas überträgt", so Karmasin.

Einmal im Jahr sollen die Kindergartenpädagogen ihre laufenden Beobachtungen über den Entwicklungsstand jedes Kindes einheitlich anhand eines Rasters festhalten. Im Rahmen eines Gesprächs werden die Ergebnisse dann an die Eltern weitergegeben und pädagogische Ableitungen besprochen.

Es handle sich um "ein Konzept, das tatsächlich einen Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik umsetzt", findet Karmasin: Erstmals würden nun die "Interessen, Potenziale und Ressourcen" jedes Kindes ab dreieinhalb Jahren bundesweit einheitlich dokumentiert, der Blick sei nicht mehr auf die Defizite gerichtet, betonte die Ministerin. Ziel sei es, jedes Kind individuell fördern zu können und gemeinsam mit den Eltern vor allem Begabungen zu stärken. "Wir wollen kein Kind stigmatisieren, ganz im Gegenteil."

Eigentlich soll der Bildungskompass - Teil der Bildungsreform, die von der Regierung vergangenen November in Aussicht gestellt worden ist - bis zum Ende der Schulpflicht reichen. Unter Federführung des Charlotte-Bühler-Instituts für Kleinkindforschung wurde nun aber zunächst nur das Konzept für die Kindergartenkinder bis zum Übergang in die Volksschule ausgearbeitet. Beim letzten Treffen der Arbeitsgruppe, der etwa Experten wie der Genetiker Markus Hengstschläger oder die Bildungspsychologin Christiane Spiel angehörten, am gestrigen Mittwoch sei der Vorschlag sehr positiv aufgenommen worden, unterstrich Karmasin.

Das Rad wird freilich nicht ganz neu erfunden: Bereits bestehende Konzepte in den Bundesländern - etwa Portfolio, Verfahren zur Beobachtung der Interessen des Kindes oder verpflichtende Sprachstandsfeststellung - sollen beziehungsweise müssen in den Bildungskompass einfließen. Der Kompass selbst ist im wesentlichen eine Dokumentation anhand eines deutschen Modells von fünf "Lerndispositionen": "Interessiert sein", "Engagiert sein", "Standhalten bei Herausforderungen und Schwierigkeiten", "Sich ausdrücken können und mitteilen", "An einer Lerngemeinschaft mitwirken und Verantwortung übernehmen".

Den Eindruck des alten Weins in neuen Schläuchen wies Karmasin zurück: Es handle sich um ein wissenschaftlich erprobtes Verfahren, "das ist nicht nur ein A4-Blatt, wo man irgendetwas überträgt, sondern das ist schon ein eigenes pädagogisches Instrument, das im Prinzip auch alleine eingesetzt werden könnte". Man sei aber der Meinung, dass die guten Beobachtungsverfahren und Werkzeuge auch genutzt werden sollten.

Die Ergebnisse werden nicht an andere Institutionen oder eine zentrale Stelle weitergegeben, kalmierte Karmasin, sondern nur an die Eltern. Diese müssen den Bildungskompass dann zur Schuleinschreibung mitnehmen.

Der zusätzliche Aufwand für die Pädagogen - sie sollen noch extra geschult werden - wird auf drei Stunden jährlich pro Kind geschätzt. Ob es deshalb zusätzliches Personal braucht - und wer das bezahlt-, werde mit den Ländern zu diskutieren sein, da es unterschiedliche Voraussetzungen gebe, meinte Karmasin auf eine entsprechende Frage.

Wie viel das ganze Projekt kostet, steht ebenfalls noch nicht fest: "Das wird erst zu diskutieren sein, das können wir jetzt noch nicht genau abschätzen."

Offen ist auch noch, wo die Pilotphase ab Herbst 2017 stattfinden soll. Alle ungeklärten Fragen will die Ministerin ab Ende September mit den Ländern ausverhandeln, am Ende soll eine 15a-Vereinbarung stehen. Bundesweit starten will man im Herbst 2018. Mit der SPÖ ist das vorgelegte Konzept laut Karmasin schon akkordiert. Ist alles unter Dach und Fach, soll in einem nächsten Schritt ein Prozedere für die Volksschule erarbeitet werden.

Nicht auf den bundesweit einheitlichen Bildungskompass warten will jedenfalls das Land Oberösterreich: Schon mit Beginn des neuen Kindergartenjahres, also ein Jahr früher als Familienministerin Karmasin, startet das Land einen Pilotversuch des "Bildungskompass Oberösterreich", teilte Landeshauptmann-Stellvertreter Thomas Stelzer (ÖVP) am Donnerstag mit.

Man habe den Bildungskompass, als er vergangenen November als Teil der Bildungsreform angekündigt wurde, als "sehr gutes Projekt" empfunden. Aber gerade im Bildungsbereich würden "angekündigte Reformen nicht immer in dem Tempo oder überhaupt stattfinden", argumentierte Stelzers Sprecher gegenüber der APA das Vorpreschen des Bundeslands. Für den von Karmasin im Herbst 2017 geplanten Pilotversuch würde sich Oberösterreich auch zur Verfügung stellen.

Dennoch startet man schon jetzt den Pilotversuch "Bildungskompass Oberösterreich" - mit einem anderen Modell als es Karmasin plant: Am Ende der Kindergartenzeit sollen einmalig in einem zweiseitigen Formular die Kompetenzen der Kinder festgehalten werden, und zwar in den Bereichen Ethik und Gesellschaft, Emotionen und soziale Beziehungen, Sprache und Kommunikation, Bewegung und Gesundheit, Ästhetik und Gestaltung sowie Natur und Technik.

90 Kindergartenbetreiber hätten sich bereits gemeldet, die Eltern müssen aus Datenschutzgründen ihr Einverständnis geben. Im Frühjahr 2017 werde der Pilotversuch evaluiert und soll dann flächendeckend in Oberösterreich eingeführt werden. "Wir werden dem Familienministerium natürlich unsere Erfahrungen mit dem 'Bildungskompass Oberösterreich' für eine bundesweite Einführung zur Verfügung stellen", bot Stelzer an.

Enttäuscht über das "Rohkonzept" zum Bildungskompass sind die Grünen: Dass sich Karmasin traue, "mit einem derart vagen Konzept ohne jede Substanz an die Öffentlichkeit zu gehen, ist ebenso verwegen wie fahrlässig", meinte der Grüne Bildungssprecher Harald Walser am Donnerstag.

Den Bildungskompass zu präsentieren, ohne ihn mit den Ländern fertig verhandelt zu haben, ohne Berechnung der Kosten und ohne Konzept für die Finanzierung, sei eine "Chuzpe", findet Walser. Auch in Sachen Ausbildung der Pädagogen sieht er noch einige offene Fragen. Völlig unklar ist Walser auch, wie Dreieinhalbjährige mittels Bildungskompass beobachtet werden sollen, obwohl es kein verpflichtendes zweites Kindergartenjahr gibt: "Wir reden also über ungelegte Eier."

Die NEOS bewerteten indes das Anliegen des Konzepts zum Bildungskompass prinzipiell positiv. Harsche Kritik übte Parteichef Matthias Strolz in einer Aussendung aber hinsichtlich der geplanten Umsetzung und der nicht näher definierten Pilotphase. So sei völlig unklar, was die Sache kosten wird, auch brauche es Klarheit in Sachen Datenschutz. Der Bildungskompass sei "noch orientierungslos unterwegs".

Mit dem Bildungskompass sei "ein zweiter wichtiger Baustein der Bildungsreform" auf den Weg gebracht worden, freute sich indes Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), in einer Aussendung. Nun müssten die im Zusammenhang mit dem Kompass noch offenen Fragen schnell und dringend geklärt werden, forderte auch er.

Quelle: APA

Aufgerufen am 15.11.2018 um 05:14 auf https://www.sn.at/politik/innenpolitik/karmasin-legt-konzept-fuer-bildungskompass-vor-1190737

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