Innenpolitik

Ministerium prüfte neue Suspendierung von BVT-Chef Gridling

Das Innenministerium hat nach der Aufhebung der Suspendierung von BVT-Chef Peter Gridling durch das Bundesverwaltungsgericht sofort eine neue Suspendierung geprüft. Das geht aus einem Aktenvermerk hervor, der "Standard" und "profil" vorliegt. Justizministeriums-Generalsekretär Christian Pilnacek nannte laut diesen Unterlagen zudem die Vorgehensweise des Innenministeriums einen "Skandal".

Weiteres Kapitel im Fall Gridling SN/APA (Archiv/Punz)/HANS PUNZ
Weiteres Kapitel im Fall Gridling

Am 23. Mai, einen Tag nach Bekanntwerden der Aufhebung der Suspendierung Gridlings, meldete sich der Personalleiter im Innenministerium bei der Staatsanwältin Ursula Schmudermayer, die das strafrechtliche Verfahren gegen Gridling und Kollegen führt. Der Beamte wollte wissen, ob die Staatsanwaltschaft neue Akten übermitteln könne, um "zu prüfen, ob allenfalls eine neue Suspendierung auszusprechen sei". Das Innenministerium erklärte laut "Standard", dass es sich hierbei um ein normales Prozedere handle und der Dienstgeber zu solchen Handlungen verpflichtet sei.

Gridling war Mitte März kurz nach seiner Wiederbestellung als Chef Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämfpung (BVT) suspendiert worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob Gridling wissentlich nichts gegen die widerrechtliche Nicht-Löschung von Datensätzen unternommen hat. Ende Mai hob das Bundesverwaltungsgericht Gridlings Suspendierung auf und sprach dabei von "weltfremden Pauschalisierungen" der Disziplinarkommission. Eine Woche später verkündete Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) den "Tag eins eines neuen Staats- und Verfassungsschutzes" - mit Gridling an der Spitze. Er solle eine Reform des Nachrichtendienstes leiten.

"Profil" und "Standard" zitierten zudem aus einem Sitzungsprotokoll einer am 12. März stattgefundenen Dienstbesprechung im Justizministerium, an der neben Generalsekretär Pilnacek auch Mitglieder der Oberstaatsanwaltschaft Wien sowie der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) teilnahmen. Pilnacek eröffnet die Besprechung mit den Worten, dass eine direkte Kontaktaufnahme von Peter Goldgruber, seinem Gegenüber im Innenministerium, mit der Staatsanwältin "ein Skandal" sei. Daraufhin erklärt die Leiterin der WKStA, dass Goldgruber ja "als Anzeiger" aufgetreten ist.

Pilnacek äußert außerdem Kritik an der Vorgehensweise der Staatsanwaltschaft. So ergebe sich "die Dringlichkeit" der Razzia für ihn nicht. "Man hätte Gridling um Informationen im Wege der Amtshilfe ersuchen können", so Pilnacek. Mit der Einsatzgruppe gegen Straßenkriminalität (EGS) "einzumarschieren war wahnsinnig auffällig", kritisiert der Generalsekretär. Die Staatsanwaltschaft erwidert, auf einen Überraschungseffekt gesetzt und eine Vertuschung befürchtet zu haben. Dass der Chef der EGS ein FPÖ-Politiker sei, habe die Staatsanwaltschaft nicht gewusst, heißt es.

Die Sicherstellung von zahlreichen Dokumenten sei nötig gewesen, da BVT-Beamte selbst nicht wussten, welche Inhalte sich auf den zahlreichen Datenträgern befinden. Anschließend diskutieren die Sitzungsteilnehmer noch über die Substanz der Ermittlungen. "Es müsse schon gesagt werden, dass nicht zu ermitteln auch keine Alternative ist", sagt die Leiterin der WKStA. Pilnacek "nimmt dies zur Kenntnis und schließt die Sitzung", so das Protokoll lapidar.

Bemerkenswert erscheint auch eine Äußerung der ebenfalls anwesenden Staatsanwältin Schmudermayer. Sie hatte die erste Zeugin vernommen, die Goldgruber vermittelt und ein Referent aus dem Kabinett Kickl als "Vertrauensperson" zur Einvernahme begleitet hatte. "Die Zeugin war ängstlich, es wurde der Eindruck vermittelt, dass eine Drucksituation vorherrscht", sagte Schmudermayer laut dem Protokoll.

Pilnacek wollte sich dazu laut "profil" nicht äußern: "Ich kommentiere keine Inhalte, die nicht der Akteneinsicht unterliegen und daher geheim zu halten sind."

Ebenfalls am Samstag wurde bekannt, dass im Ermittlungsakt zu der Causa, der mehreren Medien vorliegt, Dutzende BVT-Mitarbeiter mit Name, Telefonnummer und Adresse genannt sind. Praktisch das gesamte Führungsteam ist angeführt. Das könnte bald gefährliche Konsequenzen haben, berichtet der "Kurier".

Der (mittlerweile entlassene) Chef der Abteilung Nachrichtendienste fürchtet, dass in der Parlaments-Sondersitzung am Montag oder im BVT-Untersuchungsausschuss seine Identität aufgedeckt werden könnte. In einem Rundmail, das dem "Kurier" vorliegt, wurden die Klubchefs von Parlamentsdirektor Harald Dossi aufgefordert, den Namen von P. nicht zu nennen. Dieser habe per Anwaltsbrief an die drei Nationalratspräsidenten Wolfgang Sobotka (ÖVP), Doris Bures (SPÖ) und Anneliese Kitzmüller (FPÖ) ausdrücklich darum gebeten. "Sollte sein Name an die Öffentlichkeit geraten, sei seine persönliche Sicherheit und die seiner Familie gefährdet", heißt es in dem Rundmail an die Klubchefs.

"Die Mitarbeiter haben Angst. Von manchen sind Fotos der Kinderzimmer im Akt", sagte der SPÖ-Abgeordnete Jan Krainer. Der betroffene Spionagechef ist etwa in die Weitergabe der nordkoreanischen Reisepassrohlinge an Südkorea involviert gewesen. Die Nordkoreaner hätten sicher Interesse daran, seine Identität zu erhalten. "Wenn alle diese Informationen bei mehreren Journalisten sind, kann ich nicht mehr die Hand ins Feuer dafür legen, dass es nicht auch andere bereits haben. Das ist irre", sagt Krainer. Er und die NEOS forderten am Samstag den Rücktritt von Innenminister Herbert Kickl (FPÖ). Der FPÖ-Vorsitzende im Untersuchungsausschuss, Hans-Jörg Jenewein, warf seinerseits der SPÖ vor, "den erfolgreichsten Innenminister der Zweiten Republik beschädigen" zu wollen.

Quelle: APA

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