Innenpolitik

Schönborn bricht Lanze für europäische Integration

Kardinal Christoph Schönborn hat einmal mehr ein deutliches Bekenntnis zur europäischen Integration abgelegt. Er mache sich Sorgen, "dass das, was über Jahrzehnte in Europa zusammengewachsen ist, nun wieder auseinanderbrechen könnte", so der Kardinal im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress und Medien der Erzdiözese Wien. Der vielerorts aufbrechende Nationalismus sei eine ernste Gefahr.

Kardinal Schönborn sieht im Nationalismus eine ernste Gefahr SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Kardinal Schönborn sieht im Nationalismus eine ernste Gefahr

Der Wiener Erzbischof nahm hinsichtlich Europas aber auch verstärkt die Kirchen in die Pflicht. Er hätte sich zumindest erhofft, dass zumindest die katholische Kirche in Europa in zentralen Fragen mit einer Stimme auftreten würde. Etwa wenn es darum gehe, eine einheitliche Migrationspolitik voranzubringen.

Doch es habe sich gezeigt, dass es auch hier innerhalb der europäischen Bischöfe keine Übereinstimmung gebe. Man habe es nicht geschafft, zu einer gemeinsamen Position zu kommen, wie viel Migration Europa vertrage. Der Kardinal verwies in diesem Zusammenhang etwa auf Positionen Ungarns, das dem Islam grundsätzlich ablehnend gegenüberstehe, oder auch auf Portugal, das keine Flüchtlinge mehr aufnehmen will. Man müsse wohl auch innerhalb der Kirche damit leben lernen, dass es hier einen Pluralismus an Standpunkten gebe.

Trotzdem gelte generell, dass die katholische Kirche für den europäischen Integrationsprozess eine bedeutende Rolle spiele. Ein Beispiel dafür sei die Arbeit der EU-Bischofskommission ComECE mit Sitz in Brüssel.

Auf Österreich angesprochen mahnte der Vorsitzende der Bischofskonferenz mehr politische Aufmerksamkeit für den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft ein. Zum einen sei dieser Zusammenhalt gefährdet, zum anderen wolle er aber auch auf die vielen Menschen hinweisen, die sich ehrenamtlich innerhalb und außerhalb der Kirche für ihre Mitmenschen engagieren; etwa in der Arbeit mit Flüchtlingen oder Menschen mit Beeinträchtigungen.

Erfreut zeigte sich der Kardinal, dass die österreichische Bundesregierung sich nun verstärkt für die Christen im Nahen Osten einzusetzen will. Dass nun eine Million Euro für Wiederaufbauprojekte zur Verfügung gestellt werden, damit die Menschen in ihrer Heimat bleiben können, bezeichnete Schönborn als einen guten ersten Schritt. Er hoffe nun sehr auf weitere.

Auf die Missbrauchskrise in der katholischen Kirche angesprochen, die auch 2018 wieder virulent war, betonte der Kardinal einmal mehr, dass das Wohl der Opfer stets Vorrang vor der Sorge um den Ruf der Kirche haben müsse. Es gelte der Grundsatz: "Die Wahrheit wird euch frei machen". Alles andere schade letztlich auch nur der Glaubwürdigkeit der Kirche. Diese müsse mit Fehlern in den eigene Reihen ehrlich und wahrhaftig umgehen.

Zur seit Jahren laufenden Reform innerhalb der Erzdiözese Wien zeigte sich der Erzbischof überzeugt, dass man gut auf dem Weg sei. Er verstehe gewisse Widerstände auch aus persönlichen Erfahrungen, "weil Kirche viel mit Beheimatung zu tun hat", aber das Bewusstsein, dass es eine Veränderung geben muss, sei nun wohl in der gesamten Erzdiözese angekommen. "Wir können nicht an etwas festhalten, das sich sowieso verändert", so Schönborn wörtlich.

Er hob positiv hervor, dass bei der jüngsten Diözesanversammlung im vergangenen September kaum mehr über Strukturen debattiert wurde, sondern vielmehr die spirituelle Dimension des Reformprozesses im Vordergrund gestanden sei. "Wir alle müssen stets ein vitales Interesse daran haben, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und sie einzuladen", so Schönborn wörtlich.

Quelle: APA

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