Eine erneuerte Kirche wird gerecht und weiblicher sein

Der römische Missbrauchsgipfel weist weit über sein Thema hinaus: Wie kann diese Kirche im 21. Jahrhundert ankommen?

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Standpunkt Josef Bruckmoser

Man könnte sich als Kommentator wenige Tage vor Pensionsantritt ein schöneres Thema wünschen als den Missbrauch in der katholischen Kirche. Aber es ist ein Anlass, den Blick noch einmal auf das Ganze zu richten. Das Ganze, das ist eine Kirche, die genau jene drei Themen nicht auslassen darf, die Papst Franziskus bei seiner durchaus wegweisenden Rede vor den versammelten Bischöfen in Rom - noch - vergessen hat: die Sexualmoral, den Zölibat und die Weihe von Frauen. Alle drei hängen eng zusammen. Daher kann auch nur der Blick auf dieses Ganze zu einer Kirche führen, die mit den Menschenrechten und dem gesellschaftlichen Bewusstsein des 21. Jahrhunderts auf Augenhöhe steht.

Der Zölibat ist eine Lebensform, die nur freiwillig und aus Überzeugung human gelebt werden kann. Das ist im Christentum von Anfang an bekannt. "Wer es fassen kann, der fasse es", heißt es im Matthäusevangelium. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wer es nicht fassen kann, soll die Finger davon lassen - und er soll nicht dazu genötigt werden, nur weil ein jederzeit änderbares Kirchengesetz das vorschreibt.

Man wird die Täter großteils als Menschen sehen müssen, die nicht fähig waren, ihre Sexualität entsprechend zu leben. Im Gegenteil, sie haben in der römisch-katholischen Kirche ein System vorgefunden, das ihnen für ihre pädophilen Neigungen und ihre Frauenverachtung größten Schutz geboten hat.

Dass Rom damit nicht allein ist und es jüngst im Buddhismus ein böses Erwachen über sexuelle Übergriffe gab, bestätigt nur den systemischen Zusammenhang: Das Ineinander-verwickelt-Sein von Männergemeinschaften, autoritären Lehrer-Schüler-Verhältnissen und schutzbefohlenen Knaben und Jugendlichen dürfte besonders anfällig für Perversion sein - von körperlicher Züchtigung über sexuelle Ausbeutung bis zur psychischen Abhängigkeit und Hörigkeit.

Menschliche Systeme sind überall dort stark gefährdet, wo Mann und Frau einander nicht gleichwertig begegnen können. Auch hier gibt es sowohl im Christentum wie im Islam und im Buddhismus die Mahnung des Anfangs. Jesus, Mohammed und Buddha haben jeweils ein für ihre Zeit ungewöhnlich offenes Verhältnis zu Frauen gepflegt. Aber in allen drei Religionen ist dieser Impuls unter dem Druck der patriarchalen gesellschaftlichen Verhältnisse verloren gegangen.

Heute stehen alle drei in ähnlicher Weise vor der - man darf getrost sagen epochalen - Herausforderung, ihr gestörtes Verhältnis zur Weiblichkeit aufzuarbeiten. Eine katholische Kirche, die Frauen nicht zur Weihe zulässt, nur weil sie keine Männer sind, hat weder die Intention Jesu verstanden noch die Zeichen der Zeit erkannt.

Es kann nicht sein, dass über die Missbrauchsfrage in Rom derzeit 180 Männer und ganze zehn Frauen beraten. Es braucht nicht viel prophetische Begabung, um sagen zu können, dass ein Männerclub sich nicht am eigenen Schopf aus diesem von Männern verschuldeten Sumpf herausziehen kann.

Vielmehr braucht es dazu eine innerkirchliche Gewaltenteilung, die dem demokratischen Rechtsbewusstsein entspricht. Es braucht eine Geschlechtergerechtigkeit, die 1900 Jahre Diskriminierung der Frau in der katholischen Kirche beendet. Und es braucht die demütige Einsicht, dass die katholische Kirche wie schon mehrfach in der Geschichte - das lange Versäumnis in der Arbeiterfrage ist ein Klassiker - durch Druck von außen dorthin gedrängt werden muss, wo sie ihrem Anspruch nach hingehört.

Der scharenweise Exodus junger Frauen sollte Anstoß genug für die Erkenntnis sein, dass die Kirche ohne Gleichberechtigung auf allen Ebenen und in allen Ämtern keine Zukunft hat. So gesehen muss zumal einer wie Papst Franziskus dankbar dafür sein, dass der gesellschaftliche Druck zur Erneuerung nicht mehr nachlässt. Der Geist weht, wo er will. Derzeit bläst er seiner Kirche als kalter Wind von außen entgegen. Das wird seine Wirkung nicht verfehlen.

Der Konzilstheologe Karl Rahner meinte dazu, der Christ der Zukunft werde ein Mystiker sein oder er werde nicht mehr sein. Sinngemäß darf man ergänzen, die katholische Kirche der Zukunft wird gerecht und weiblicher sein oder sie wird nicht mehr sein.

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Aufgerufen am 20.10.2019 um 09:36 auf https://www.sn.at/politik/innenpolitik/standpunkt-eine-erneuerte-kirche-wird-gerecht-und-weiblicher-sein-66146068

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