Innenpolitik

Zahl radikaler Anhänger des salafistischen Jihadismus steigt

Die Zahl der sich radikalisierenden Anhänger des salafistischen Jihadismus ist in Österreich seit längerem im Ansteigen. Verfassungsschützer weisen auf diese Tendenzen in Richtung aktiver Engagements in der salafistisch-jihadistischen Szene immer wieder hin. Fälle wie jener des 17-jährigen Terrorverdächtigen aus Wien-Favoriten könnten künftig also häufiger auftreten.

"Vor allem junge männliche Muslime sowie vereinzelt (im Bundesgebiet aufgewachsene) Konvertiten werden weiterhin von einer potenziellen Radikalisierung betroffen sein", schrieb das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) schon im Vorjahr in seinem bisher letzten Verfassungsschutzbericht. Die Verfassungsschützer sehen vom Phänomen der Radikalisierung vor allem Jugendliche und junge Erwachsene betroffen und sprechen deshalb auch von einer Art "Jugend-" bzw. "Protestkultur" oder von "PopDschihadismus".

Die Suche nach dem eigenen "Ich", dem Sinn des Lebens, nach Identität, Aufmerksamkeit, Anerkennung und Selbstverwirklichung sowie die Bewältigung persönlicher Krisen spielten im Zusammenhang mit der Radikalisierung eine ausschlaggebende Rolle. Auch Diskriminierungs- oder Entfremdungserfahrungen können Jugendliche und junge Erwachsene in radikale bzw. extremistische Kreise treiben, erklärten die Verfassungsschützer.

Radikalisierungsvorgänge finden dabei an ganz unterschiedlichen Orten statt: Sportklubs, öffentliche Parkanlagen oder auch Gefängnisse. In den meisten Fällen spielen das unmittelbare Umfeld sowie charismatische Persönlichkeiten oder ideologische Anführer eine relevante Rolle im Radikalisierungsprozess. Die radikalen "Predigten" sowie die Verwendung von einschlägigem Propagandamaterial erfüllen dabei eine gemeinschaftsstiftende und zugleich eine politische Funktion. Die Beziehung der radikalisierten Personen zu den anderen Gruppenmitgliedern sowie die Annahme der salafistisch-jihadistischen Ideologie tragen zur Bildung einer neuen Identität bei und ermöglichen die Identifizierung mit der Gruppe, heißt es im Verfassungsschutzbericht.

In den vergangenen Jahren konnten die Verfassungsschützer vor allem eine Verschärfung salafistisch-jihadistischer Bestrebungen feststellen. "Jeder Jihadist ist ein Salafist", sagte der Politikwissenschafter und Islam-Experte Thomas Schmidinger im Gespräch mit der APA. Was salafistische Strömungen eint, sei die rückwärtsgewandte Utopie einer Gesellschaft wie zu Zeiten des Propheten. Gefahr gehe vor allem vom politischen Salafismus aus, dem es darum gehe, die politische Macht zu übernehmen. "Innerhalb dieser Strömung hat sich auch der Jihadismus entwickelt."

In Österreich gebe es laut Schmidinger mehrere tausend Personen, die dem politischen Salafismus anhängen. Zentren seien Wien, Graz, Linz, Vorarlberg sowie einige mittelgroße Städte. "Nur ein Teil davon neigt dazu, mit verschiedenen Strömungen des Jihadismus zu sympathisieren." Schmidinger empfiehlt vor allem Präventions- und Deradikalisierungsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem politischen Salafismus.

Verboten steht der Politikwissenschafter skeptisch gegenüber. "Ein Totalverbot oder ein ausschließlich repressives Vorgehen könnte dazu führen, dass sich ein Teil der Szene weiter radikalisiert und Leute, die ohnehin schon anfällig sind, weiter radikalisiert werden." Schmidinger rät zu Vorsicht, damit nicht "Märtyrer geschaffen" werden oder "neue Propagandanahrung für den Jihadismus" erstellt wird. "Mit einem bloßen Verbotsakt ist es sicher nicht getan. Damit drängt man sie nur in den Untergrund ab und kann sie noch weniger kontrollieren."

Quelle: APA

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