Innenpolitik

Zahlen in Österreich steigen rasant: Zweiter Lockdown für Kurz "Ultima-Maßnahme"

Sollten die Covid-19-Infektionen weiter ansteigen, will die Regierung mit restriktiveren Maßnahmen gegensteuern.

 SN/AP

Das Coronavirus breitet sich derzeit in Österreich rasant aus: 2.456 Neuinfektionen österreichweit in den vergangenen 24 Stunden meldete das Innenministerium am Montagvormittag. Mit 3.614 SARS-CoV-2-Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden in Österreich war die Zahl der aktiven Fälle in Österreich am Samstag erstmals seit Ausbruch der Pandemie auf über 20.000 angewachsen. Am Sonntag kamen weitere 2.782 Infektionen dazu, Rekord für einen Sonntag. Stark steigen auch die Zahlen der Hospitalisierten.

"Je höher die Ansteckungszahlen sind, desto restriktivere Maßnahmen braucht es", sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) nach dem Ministerrat am Nationalfeiertag. Es gehe darum, eine Überlastung der Intensivmedizin zu verhindern. "Die Ultima-Maßnahme ist ein zweiter Lockdown", sagte Kurz.

"Wir haben ein massiv steigendes, exponentielles Wachstum. Das ist eine extreme Herausforderung. Die Lage ist, auch für jene, die es immer noch nicht glauben wollen, sehr, sehr ernst", betonte Kurz. Er vertraue diesbezüglich der Einschätzung der Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl, die auch das Kanzleramt berate. Die Medizinerin hatte in einem Sonntag publik gewordenen Mail an Mitglieder der Corona-Taskforce des Gesundheitsministeriums vor einer unkontrollierten Ausbreitung gewarnt.

Wenn das nicht gebremst werde, werde man Maßnahmen setzen müssen, sagte Kurz. "Kein Land der Welt, auch nicht die Republik Österreich, wird zulassen, dass die Intensivmedizin überfordert ist und Menschen nicht mehr behandelt werden können." Grundsätzlich gelte aber "so viel Freiheit wie möglich und so wenige Einschränkungen wie notwendig".

Franz Allerberger, Leiter der Abteilung für "Öffentliche Gesundheit" der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit), hielt unterdessen einen zweiten Lockdown derzeit nicht für notwendig: "Ich glaube, dass man mit Maßnahmen, die gelinder sind, das gleiche Ziel erreichen kann", sagte er in der ORF-Ö3-Sendung "Frühstück bei mir". Allerberger rechnet - anders als Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne), der im ersten Quartal 2021 mit dem Impfen beginnen will - mit einem Corona-Impfstoff erst ab Juli 2021.

Haslauer warnt vor Überlastung der Spitäler

Der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) warnte unterdessen vor der bevorstehenden Überlastung der Spitäler durch die Coronakrise. In Salzburg könnte es bereits in einer Woche so weit sein, sagte Haslauer in der ORF-"Pressestunde". Sollten die Infektionszahlen weiter stark steigen, könnten aus seiner Sicht neue österreichweite Maßnahmen nötig werden. Zur Bewältigung der Coronakrise in den Krankenhäusern forderte Haslauer mehr Geld vom Bund für die Länder.

Haslauer hatte vorige Woche davor gewarnt, dass die Spitalskapazitäten in seinem Bundesland binnen zwei Wochen erschöpft sein werden. Diesen Weg habe man nun bereits zur Hälfte zurückgelegt: "Dann wird Personal umgeschichtet, Betten werden umgeschichtet, dann müssen Hüftoperationen, die vielleicht schon einmal verschoben wurden, wieder verschoben werden." Auch die Nachverfolgung der neuen Infektionen sieht Haslauer wegen der "explosionsartigen" Infektionsentwicklung "an der Grenze".

Um die Nachverfolgung war nämlich am Samstag eine Debatte entstanden, nachdem die Vorarlberger Landesregierung am Freitag bekannt gegeben hatte, aus Kapazitätsgründen den Umfang des Contact Tracing im westlichsten Bundesland zurücknehmen zu müssen. Anschober sah darin ein Missverständnis: Denn reduziert werde nur die über die Vorschriften hinausgehende direkte Befragung von K1- und K2-Kontaktpersonen. Der Gesundheitsminister sah die Nachverfolgung und Absonderung der engen Kontakte nach Coronainfektionen in Vorarlberg weiterhin gesichert. Die vom Land tags zuvor gemeldete Einschränkung des Contact Tracing wertete Anschober in einer Aussendung am Samstag als "Missverständnis".

Anschober wirbt für Stopp-Corona-App

Anschober appellierte am Sonntag, die Stopp-Corona-App zu installieren. Er betonte, dass das Kontaktpersonenmanagement entscheidend sei und durch das Installieren der App unterstützt werden könne: "Jetzt ist es an der Zeit, dabei mitzumachen. Es ist kein großer Aufwand und trägt dazu bei, sich und die anderen zu schützen."

AGES-Epidemiologin Daniela Schmid betonte, dass eine Reduktion des Contact Tracing keine Option sei. Die Nachverfolgung der Kontaktpersonen sei evidenzbasiert die effektivste Maßnahme gegen die Ausbreitung von SARS-CoV-2. Personelle Ressourcen wären zudem vorhanden. "Wer das Contact Tracing aufgibt, gibt auch die Kontrolle über die Epidemie auf", sagte Schmid bereits am Freitag bei der Pressekonferenz zur Ampelschaltung.

Die Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl von der MedUni Wien warnte in einem Mail an mehrere Personen der Taskforce des Gesundheitsministeriums davor, dass die Kontrolle über das Infektionsgeschehen verloren gehen könnte. Detailanalysen in Wien hätten gezeigt, dass "Infektionen bereits in unklarer Weise im öffentlichen Raum (...) akquiriert werden", zitierte die "Kleine Zeitung" (Sonntagsausgabe) aus Puchhammer-Stöckls Mail. Man habe bei Untersuchungen festgestellt, "dass immer mehr Menschen nicht wissen, wo sie sich angesteckt haben könnten", erläuterte die Medizinerin.

Quelle: SN/Apa

Aufgerufen am 27.11.2020 um 12:06 auf https://www.sn.at/politik/innenpolitik/zahlen-in-oesterreich-steigen-rasant-zweiter-lockdown-fuer-kurz-ultima-massnahme-94727581

Kommentare

Schlagzeilen