Politik

Kanada ist das bessere Amerika

Die ersten Auswanderer aus den USA machen sich auf den Weg. Sie wollen nicht in einem Trump-Land leben.

 SN/APA/AFP/POOL/ETIENNE OLIVEAU

. Der Anwalt ist beauftragt, der Immobilienmarkt sondiert, die Formulare für die Einwanderungsbehörde liegen bereit. Sara Schechter-Schoeman und Robert Jesselson wollen weg aus Amerika. "Donald Trump ist ein gefährlicher Demagoge und ich habe das Gefühl, in meinem eigenen Land zur Fremden geworden zu sein", sagt Sara. Die pensionierte Rechtsanwältin und der Hochschulprofessor leben seit 40 Jahren im US-Bundesstaat South Carolina, doch dort fühlen sie sich nicht mehr sicher. Kurz vor der Wahl hatten sie an einer Straßenlaterne in der Nachbarschaft ein antisemitisches Plakat entdeckt - erstmals in all den Jahren, die sie dort wohnen. Nun wollen die beiden, die aktiv ihren jüdischen Glauben leben, so bald wie möglich nach Toronto ziehen, wo bereits ihre Tochter lebt. "Kanada ist eine der letzten echten liberalen Demokratien der Welt", sagt Sara. Ein liberales Sehnsuchtsland, das so anders zu sein verspricht als das Amerika des Donald Trump. In dem mit Justin Trudeau der personifizierte Anti-Trump regiert, der wie kaum ein anderer Regierungschef die liberale Fahne hochhält.

Für viele US-Bürger gilt Kanada als friedlich, tolerant und weltoffen, als "besseres Amerika" eben. "Die Freiheit wandert nach Norden", titelte unlängst das renommierte britische Magazin "Economist" . Sara und Robert schätzen an der Metropole Toronto, wie entspannt und offen die Menschen ihre Vielfalt leben, wie hoch die Qualität der Schulen und Hochschulen ist, wie wenig Kriminalität und Gewalt im Alltag zu spüren sind. Dass außer Polizisten niemand mit Waffen durch die Straßen geht und dass alle Kanadier selbstverständlich eine Krankenversicherung besitzen. Nun ist auch in Kanada nicht alles Gold, was glänzt. Auch in Kanada gibt es Übergriffe gegen Minderheiten. Und auch in Kanada versuchen rechtspopulistische Politiker mit Ängsten auf Stimmenfang zu gehen, wie 2015 der damalige konservative Premier Stephen Harper, der gegen Muslime Stimmung machte, von den Wählern dafür aber abgestraft wurde.

Der neue Premier Trudeau tut seit der Abwahl Harper alles, um das liberale Image zu pflegen. Er predigt die Gleichstellung der Religionen und Geschlechter. Als einer der wenigen Regierungschefs weltweit hat er sein Kabinett zur Hälfte mit Frauen besetzt. Syrische Flüchtlinge begrüßte er persönlich per Handschlag am Flughafen. Rund 35.000 Syrer hat Kanada mittlerweile aufgenommen. Ihre Integration gilt international als vorbildhaft.

Dass Kanada ist, was Amerika einst war, hat sich herumgesprochen. Noch in der Wahlnacht Trumps war die Webseite der kanadischen Immigrationsbehörde unter der Last der Anfragen zusammengebrochen. Das Interesse ist weiterhin lebhaft. "In den ersten vier Wochen nach der Wahl hatten wir etwa drei Mal so viele Anfragen aus den USA wie sonst", erzählt Einwanderungsberater Gerd Damitz aus Toronto.

Noch ist es zu früh, um abzuschätzen, wie viele der Interessenten sich tatsächlich auf den Weg machen werden, wie stark der viel beschriebene "Trump-Bump" wirklich ist. "Viele potenzielle Einwanderer beobachten erst noch, wie sich die Regierung Trump entwickelt", sagt Damitz. Erst später wird sich zeigen, ob es zu einem Exodus aus den USA kommen wird wie vor rund fünfzig Jahren, als Zehntausende Amerikaner vor dem Vietnam-Krieg und der Wehrpflicht nach Kanada geflüchtet waren.

Real ist der Trump-Effekt schon bei vielen kanadischen Hochschulen. Die Unis in Vancouver, Montreal oder Toronto melden zwischen 30 und 50 Prozent mehr US-Studierende als 2015, was zum Teil auch am starken Dollar liegt. Viele Immobilienmakler in Kanada verzeichnen eine verstärkte Nachfrage aus den USA.

Juliette und Jo Wallace haben jedenfalls nicht lange gefackelt. Die beiden Frauen Anfang dreißig sind gerade aus den USA auf die Gulf Islands gezogen, eine beschauliche Inselgruppe nahe Vancouver. Sie wohnen in einem möblierten Häuschen im Wald mit Blick aufs Meer. "Wir hatten länger überlegt, nach Kanada zu ziehen", erzählt Juliette. "Die Wahl von Donald Trump hat dann den Ausschlag gegeben." Kanada sei ein sicherer Hafen in Zeiten der Unsicherheit, meint Juliette, die mit ihrer amerikanischen Ehefrau Jo in Portland im US-Bundesstaat Oregon gelebt hat und ursprünglich aus Montreal stammt. Daher besitzt sie auch einen kanadischen Pass - was dem Pärchen den Weg nach Kanada leicht gemacht hat. Für andere Amerikaner ist es nicht ganz so einfach, eine Immigration kann sich über Monate oder auch Jahre hinziehen.

"Wir sind mit dem Auto nach Kanada gefahren, haben auf einer der Inseln ein Haus angemietet und die Einwanderungspapiere abgegeben", erzählt Jo. Da die beiden seit dem Sommer offiziell verheiratet sind, bekommt auch Jo im Ahornland sofort eine Aufenthaltserlaubnis. Ganz selbstverständlich - Kanada eben.

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