Der Wahlkampf schien gelaufen. Die Umfragen gaben Amtsinhaber Barack Obama einen gemütlichen Vorsprung. Eine zweite Amtszeit der ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten galt als fast sicher. Sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney schaffte es einfach nicht, sich vom Image des eiskalten Finanz- und Wirtschaftshais zu befreien - bis gestern, bis zur ersten Fernsehdebatte der Kandidaten.
Romney konnte überraschend punkten. Obama, der haushohe Favorit, hat eine nur mäßige Leistung hingelegt. Mehr als 60 Prozent der Zuseher sahen den Republikaner als Sieger, nur 25 Prozent setzten den Demokraten an die Spitze. Möglich, dass Obama und sein Team den Auftritt - und vor allem Mitt Romney - unterschätzt haben. Der Herausforderer war in den vergangenen Wochen von einer Wahlkampfkatastrophe in die nächste geschlittert. Nachdem ein Videoclip bekannt wurde, in dem Romney vor einer illustren Runde reicher Gönner 47 Prozent der Amerikaner als Sozialschmarotzer bezeichnete, zog Obama in den Umfragen endgültig davon.
In der TV-Konfrontation aber wirkte der Präsident defensiv, ja müde. Die "47 Prozent" sprach er gar nicht an. Auch Angriffe Romneys auf die Gesundheitsreform blieben seltsam unwidersprochen. Die Strategie Obamas lautete offenbar, es genüge, keine Fehler zu machen. Das ist zwar gelungen, ob die Strategie aber richtig war, ist zu bezweifeln. Sie hat Mitt Romney erlaubt, auf seinem schwächsten Gebiet aufzuholen: seiner Beliebtheit und der Sympathie, die ihm die Amerikaner entgegen bringen. Romney zeigte sich plötzlich mitfühlend, er gab sich als einer, der Gräben überwinden kann, als Kandidat mit Herz, als jemand, der die Alltagssorgen der Menschen versteht - und Barack Obama ließ ihn gewähren.
Nun macht eine 90 Minute lange Fernsehdebatte kein Wahlergebnis, nicht einmal in den USA. Zwei weitere Konfrontationen folgen und letztlich geht es darum, wem und welchen Gesellschaftsmodell es die Amerikaner eher zutrauen, ihr Land aus der Krise zu führen: Mitt Romney und seinem Konzept der Rückbesinnung auf alte Werte, alte Stärke und alte Zeiten oder Barack Obama mit seiner moderneren Vision von Solidarität und gesellschaftlicher Fairness. Doch das Bild, das der Herausforderer so überraschend von sich zeichnen konnte, verleiht ihm, was bitter fehlte: mehr Glaubwürdigkeit.
