Möge Hillary Clinton die Wahl gewinnen

Viele wollen zurück in die Vergangenheit. Sie scharen sich hinter einem angeblich starken Führer. Das liegt im Trend.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Martin Stricker

Hillary Clinton wird die Wahl gewinnen. Sie wird die erste Frau sein, die das mächtigste Amt der Welt übernimmt - das zumindest sagen die Umfragen. Stand: Freitag. Sie sagen aber auch, dass es knapp wird.

Gut möglich, dass Donald Trump, ein verlogener Geschäftemacher und Frauenerniedriger, noch das Rennen macht. Die Wahlkabine ist ein Ort, an dem es keine Überwachung gibt. Du machst ein Kreuz bei Trump und keiner wird es wissen. Vielleicht werden viele Trump einfach nur wählen, weil sie es können, weil sie so dem System schaden, wie der amerikanische Filmemacher Michael Moore vermutet.

Eine Mehrheit der Amerikaner ist mit ihrem Land unzufrieden. Zu beobachten ist ein Unbehagen, das wir auch in Europa kennen. Vielerorts haben die Menschen den Eindruck, dass die politischen und wirtschaftlichen Eliten unfähig und unwillig sind, die Globalisierungsgewinne gerecht zu verteilen. Die Ungleichheit von Einkommen, Vermögen und Chancen erscheint mit jeder neuen Millionenabfertigung für einen unfähigen Manager, mit jedem neuen Steuervermeidungs trick eines internationalen Konzerns deutlicher sichtbar. Kürzel wie CETA und TTIP werden zu Sy nonymen für immer noch mehr Bereicherung auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger.

Donald Trump macht sich diesen Zorn durchaus zu eigen. Zumal Hillary Clinton das politische Establishment der USA verkörpert wie kaum jemand sonst. Sie gilt als führendes Mitglied der Elitokratie, selbstgefällig, selbstbezogen und sich selbst bedienend. Nichts davon ist wahr, aber das spielt in Zeiten, in denen Fakten Lügen weichen müssen, keine besondere Rolle.

Doch Donald Trumps Kernwähler, zu 90 Prozent weiße Männer, von denen 60 Prozent nur über eine geringe Bildung verfügen, würden ihm auch treu bleiben, lebten sie in rosigen wirtschaftlichen Zeiten. Es geht ihnen um etwas anderes. Sie führen einen Kulturkampf.

"Wir haben es mit einem Krieg gegen die Moderne und die Globalisierung zu tun", meint der US-Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson. Das ist eine Ansicht, die auch Amerika-Kenner wie der Salzburger Politikwissenschafter Reinhard Heinisch vertreten.

Tatsächlich geht es um Themen wie Zuwanderung, die Weiße in wenigen Jahrzehnten zur Minderheit in den USA machen wird; um Ökologie und Klimaschutz, die althergebrachte Verhaltensweisen infrage stellen; und, natürlich, um Frauen, genau gesagt: um den Feminismus, der Frauen bedrohlich stärkt und der die Machtfrage stellt.

Daher will Trump eine Mauer zu Mexiko bauen, will Muslime mit einem Einreiseverbot belegen. Das ist der Grund, warum er die Klima erwärmung als eine Erfindung der Chinesen hinstellt, und darum ist Hillary Clinton in Trumps Universum derart gefährlich, dass er sie am liebsten ins Gefängnis werfen lassen würde. Wie bei allen vorgeblich starken Männern, die in der europäischen Rechten ja ebenso à la mode sind wie in Ankara, Moskau und Peking, ist auch bei Trump das Heimweh nach gestern, die Sehnsucht nach der gewohnten Stabilität und den alten Gewissheiten die stärkste politische Inspiration. Donald Trump ist der Kandidat der Ängstlichen, und hier liegen seine Chancen.

Blöd nur, dass solche Populisten vor allem am Wohl der eigenen Leute interessiert sind: national gegen international. Nun wird es weitgehend folgenlos bleiben, wenn Norbert Hofer oder Heinz-Christian Strache "Österreich zuerst" intonieren. Wenn aber der Präsident der USA ein gnadenloses "America first" als politisches Programm ausgibt, wird es ungemütlich für uns auf dem alten Kontinent. Wirtschaftlicher Protektionismus würde finanziell enorm schaden, eine amerikanische Ausländerfeindlichkeit würde auch Europäer treffen.

Eine Schwächung der NATO würde dem russischen Abenteurertum den Weg noch weiter öffnen.

Eine Kündigung des Atomdeals mit dem Iran würde die Hardliner in Teheran stärken und könnte für noch mehr Krieg und Terror sorgen, was Flüchtlingsströme in Gang setzen würde, die von einer Handvoll österreichischer Soldaten an der ungarischen Grenze kaum gestoppt werden könnten.

Möge Hillary Clinton die Wahl gewinnen - auch weil ihr Sieg wenn nicht das Ende, so doch die Schwächung eines internationalen Trends markieren könnte.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 05:33 auf https://www.sn.at/politik/moege-hillary-clinton-die-wahl-gewinnen-914731

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