Nationalratswahl 2017

Christian Kern: Kanzler a.D. oder Tabubrecher

Gut eineinhalb Jahre ist es her, da galt der smarte ÖBB-Manager Christian Kern als Hoffnungsträger dafür, der SPÖ das Kanzleramt für viele Jahre zu sichern.

Das Ergebnis gehalten, aber die Spitzenposition verloren: Bundeskanzler Christian Kern mit seiner Ehefrau Eveline Steinberger-Kern. SN/APA/ROLAND SCHLAGER
Das Ergebnis gehalten, aber die Spitzenposition verloren: Bundeskanzler Christian Kern mit seiner Ehefrau Eveline Steinberger-Kern.

Will er nicht als kürzest dienender Regierungschef in die Geschichte eingehen, ist eine Koalition mit der FPÖ der letzte Strohhalm. Die Flexibilität dafür hätte Kern wohl, seine Wiener Parteifreunde dafür weniger.

Zugegeben, die Rahmenbedingungen für Kern waren schon bei seiner Machtübernahme im Frühling des Vorjahres eher ungünstig. Die eigene Partei war organisatorisch in einem bemitleidenswerten Zustand, die wichtigste Landesgruppe, jene in Wien heillos zerstritten und der Koalitionspartner pedantisch bemüht, dem neuen Kanzler nicht einmal den geringsten Erfolg zu gönnen.

Dennoch hat Kern seinen Teil dazu beigetragen, dass es nicht mehr für Platz eins reichte. Während der SPÖ-Chef inhaltlich nach der zähen Ära Werner Faymann flott loslegte, machte er bei der Personalauswahl von Beginn an wenig richtig. Zwar wechselte er sein Regierungsteam großteils aus, doch orientierte er sich bei den Auserlesenen wohl zu sehr an sich selbst: Quereinsteiger, die maximal nahe der Politik ihre Karriere gemacht haben.

Was anfangs interessant aussah, entpuppte sich schnell als Schwäche. Die Polit-Lehrlinge taten sich schwer gegen die ausgebuffte Berufspolitiker-Truppe der ÖVP. Dies galt auch für den Chef selbst, der so manchen inhaltlichen wie auch taktischen Fehler einstreute - etwa als er sich mit Begrifflichkeiten bei der Flüchtlingsobergrenze vertat oder die Partei mit einer CETA-Befragung aufmunitionierte, um dann erst dem Druck der EU rasch und eher kleinlaut nachzugeben. Dass er trotz guter Image-Werte und einer Führungsdiskussion beim Koalitionspartner den Schritt in Neuwahlen nicht selbst gewagt hatte, könnte letztlich der entscheidende Schnitzer gewesen sein.

Kern hat sich nicht den Ruf gemacht, Fehler gerne zuzugeben. Die Schuld suchte er in den vergangenen eineinhalb Jahren gerne bei anderen, vorzugsweise bei der ÖVP und den Medien. Doch in einem entscheidenden Fall blieb auch ihm nichts anderes über, als ein persönliches Mea culpa los zu werden. Die Verpflichtung des israelischen Beraters Tal Silberstein, dessen vorübergehende Festnahme plus der sich daran anschließenden Dirty Campaigning-Affäre die SPÖ-Wahlchancen nicht unbedingt vergrößerte, geht auf seine Kappe. Einmal zu oft hatte er auf seinen Vorvorgänger Alfred Gusenbauer gehört, der auch Kerns Machtübernahme in der SPÖ orchestriert haben dürfte.

Schon vor Amtsantritt haftete dem an sich mit Vorschusslorbeeren üppig ausgestatten Kern das Image an, ein wenig eitel und dünnhäutig zu sein. Wirklich widerlegen konnte Kern das nicht. Selbstinszenierung, ob über stylishe Instagram-Fotos, eine Art Hagiographie seines Journalisten-Freunds Robert Misik oder Auftritte als Pizzabote, war dem Kanzler alles andere als fremd. Auf der anderen Seite betrieb der SPÖ-Chef ein Medien-Bashing, wie man es nur von der FPÖ früherer Tage kannte. Der Tageszeitung "Österreich" verpasste Kern gar einen Inserate-Boykott, weil ihm die Berichterstattung nicht passte. Nicht unbedingt konsequent wirkte da, als er sich wenig später für die auch eher Kern-kritische "Kronen Zeitung" mit Österreichs größter Tageszeitung in der Hand fürs Cover fotografieren ließ.

So viel schlechte Laune der - laut einem Partei"freund - "Prinzessin" Kern wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen. Denn mit seiner inhaltlichen Ausrichtung, die er über den viel beachteten Plan A vorantrieb, holte sich Kern durchaus gute Zensuren ab. Der SPÖ-Chef, der im Büro des damaligen Staatssekretärs und späteren Klubobmanns Peter Kostelka erstmals in die große Politik hineingeschnuppert hatte, dann aber den Weg in die Vorstände der staatsnahen Betriebe Verbund und ÖBB angetreten hatte, öffnete der Sozialdemokratie neue Wege.

Manches Dogma wie etwa der freie Uni-Zugang wurde zur Seite geschoben, speziell bei den Startups ein wirtschaftspolitisch neues Feld beackert und auch in der Europa-Politik war Kern bereit Zähne zu zeigen, in der Flüchtlingspolitik sowieso, wo er sich rasch von der "Refugees Welcome"-Politik seiner Wiener Parteifreunde verabschiedete. Auch das Nein-zur-FPÖ-Dogma wurde - wenngleich umständlich - entsorgt. Dafür hatte er auch etwas für die traditionellen Parteikader im Gepäck, vor allem die Maschinensteuer, aber auch Symbolik wie sein Bekenntnis, einmal pro Woche im Kreisky-Zimmer in der Parteizentrale zu arbeiten.

Dies alles machte aus Kern bis inklusive heute einen in der SPÖ durchaus anerkannten und recht beliebten Parteichef. Dass ihm die Herzen nicht bedingungslos zuflogen, hängt wohl damit zusammen, dass der eiserne Sportler stets eine gewisse Distanz ausstrahlt. Wiewohl er in eher finanzschwachen Verhältnissen in Wien-Simmering aufgewachsen ist und Bekenntnisse zu seiner Herkunft zu Kerns Standard-Repertoire gehören, war er gefühlt dann doch mehr in der Manager-Kaste daheim, der er nun auch schon seit vielen Jahren angehört. Ein Beispiel für Mangel an Volksnähe: Seiner Offenbarung, jeden Abend rituell mit seiner Frau ein Glas Wasser zu trinken, dürfte an den viel beschworenen Stammtischen eher Ratlosigkeit begegnet sein.

Kern hat angekündigt, sich zehn Jahre der Politik zur Verfügung zu stellen. Ob er entgegen seinen Ankündigungen die Lust darauf verliert, sollte die SPÖ aus der Regierung fliegen, wird sich weisen. Das Ergebnis ist letztlich so schlecht nicht, auch wenn es in etwa dem des verjagten Vorgängers Werner Faymann entspricht. Zum Abtritt drängen wird man ihn mit den rund 27 Prozent nicht. Alternativen hätte der vierfache Vater, der mit der Unternehmerin Eveline Steinberger-Kern verheiratet ist, in der Wirtschaft wohl etliche. Dort ist ein erfolgreiches Comeback möglicherweise sogar wahrscheinlicher als in der Politik, wie dies der als Kanzler ebenfalls glücklose Viktor Klima bei VW in Südamerika bewiesen hat.

Zur Person: Christian Kern, geboren am 4. Jänner 1966 in Wien. Vier Kinder aus zwei Ehen. Studierter Kommunikationswissenschafter. Ab 1991 Assistent des damaligen Staatssekretärs Kostelka, ab 1994 dessen Büroleiter als Klubobmann. 1997 Wechsel in den Verbund, ab 2007 dort Vorstandsmitglied. Ab Juni 2010 Chef der ÖBB sowie ab 2014 Vorsitzender der Gemeinschaft europäischer Bahnen. Seit 17. Mai 2016 Bundeskanzler, seit 25. Juni 2016 SPÖ-Vorsitzender

Quelle: SN, Apa

Aufgerufen am 23.09.2019 um 07:40 auf https://www.sn.at/politik/nationalratswahl-2017/christian-kern-kanzler-a-d-oder-tabubrecher-19348012

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