So können wir den Advent genießen

Erst wenn wir das angeblich Dringende ignorieren, bekommen wir wieder ein Gespür für das wirklich Wichtige.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Manfred Perterer

Das muss noch alles vor Weihnachten beschlossen, geliefert, angefertigt, repariert, gekauft, genehmigt, geschrieben, geschickt, geholt, gebaut, angepasst, eingepackt, gestartet, gebucht, begonnen, abgeschlossen, bezahlt werden. Sie kennen die alljährlich wiederkehrende Torschlusspanik vor Jahresende? Eine finale Stimmung erfasst die Menschen. Fast so, als gäbe es kein Morgen.

Dabei dreht sich längst nicht alles nur um das Weihnachtsfest selbst. Die richtigen Geschenke finden, Christbaum aussuchen, Lichterkette überprüfen, Kekse backen, Spende abgeben, für das Festmenü einkaufen, alles blitzblank putzen - das allein bringt Stress. Was mehr nervt, sind die Zeitgenossen, die auf den letzten Drücker im alten Jahr alles erledigt haben möchten, was sie in den letzten Monaten haben liegen lassen.

Viele betrachten den Jahreswechsel als Zäsur. Damit Neues Platz hat, muss das Alte weg. Das führt so weit, dass noch knapp vor Weihnachten Firmen geschlossen werden und Mitarbeitern gekündigt wird. Früher gab es noch so etwas wie einen Weihnachtsanstand. Der war vielleicht auch verlogen, aber gefeuert wurde erst zu Lichtmess. Heute sagt nicht mehr der Eigentümer, sondern der Finanzminister, wann es besser ist, einen Laden zuzusperren.

In dieser Hektik soll Adventstimmung aufkommen? Auf den überfüllten Straßen wird um jeden Zentimeter Asphalt gekämpft, Parkplätze sind Mangelware. An den Supermarktkassen wird gedrängelt. Wer die Waren nicht so schnell in die Taschen verräumt, wie sie die Kassierin durch den Scanner zieht, wird von den Nachkommenden mit Blicken getötet.

Keine Spur von ruhiger Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn (Adventus Domini), auch nicht an den Punsch- und Glühweinständen der kitschüber fluteten Christkindlmärkte. Stattdessen Grölen bis zum Abwinken in den Fußgängerzonen, manchmal auch Saufen für den guten Zweck. "Draußen tobt der Advent", pflegt der Erzabt von St. Peter, Korbinian Birnbacher, in diesen Tagen zu sagen.

Was tun? Wegfahren, vor dem Trubel Reißaus nehmen? Wer es unbedingt will, warum nicht. Aber wir Daheimgebliebenen sollten versuchen, die Dinge einmal ruhiger anzugehen. Es wird uns nichts passieren, wenn wir die eine oder andere Sache unerledigt lassen. Alles, was angeblich "ganz dringend" ist, dürfen wir ruhig ignorieren. Erst dann bekommen wir wieder ein Gespür für das wirklich Wichtige. Und dann können wir den Advent genießen.

Aufgerufen am 12.11.2018 um 07:47 auf https://www.sn.at/politik/so-koennen-wir-den-advent-geniessen-604282

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