Theresa May startet geschwächt in den Brexit-Poker

In Brüssel beginnen die Gespräche über den EU-Ausstieg. Im politischen Betrieb in London aber gibt es ein Durcheinander.

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Standpunkt Katrin Pribyl

Großbritannien wirkt wie aus den Fugen geraten. Ein Schlag nach dem anderen trifft das Land, ob in Form von Terrorangriffen, politischen Erdbeben oder nun des verheerenden Großbrands in London. Dabei bleibt kaum Zeit für ein Innehalten. Heute, Montag, beginnen die Brexit-Verhandlungen, die von historischem Ausmaß für die Zukunft des Königreichs sind.

Nur wirklich vorbereitet scheint London nicht zu sein. Selbst kurz vor den Gesprächen blieb Downing Street Nr. 10 der Bevölkerung einen konkreten Plan schuldig. Premierministerin Theresa May folgt vielmehr ihrer Linie, laut der sie so wenig wie möglich öffentlich preisgibt. Wohin aber geht die Reise?

Die Briten haben der Vision Mays bei der Parlamentswahl, die sie selbst zur Brexit-Abstimmung erklärt hat, eine klare Absage erteilt. Auf Druck der Anti-EU-Hardliner in der eigenen Partei strebte sie einen klaren Bruch mit Brüssel an, ohne jene Wähler zu berücksichtigen, die entweder keinen Brexit wünschen oder es als wirtschaftlichen Selbstmord betrachten, den gemeinsamen Binnenmarkt sowie die Zollunion zu verlassen. Statt einen Blankoscheck für ihren harten Kurs zu bekommen, wurde sie für ihr Vorgehen abgestraft. Sie ignoriert diese Tatsache hartnäckig, aber wie lange noch?

Die Konservativen haben ihre absolute Mehrheit verloren. Die geschwächte Premierministerin agiert wie eine Marionette ihrer Partei. Von der "starken und stabilen Führung", mit der sie während des Wahlkampfs warb, ist keine Rede mehr. Ein Deal der Tories mit der nordirischen DUP steht noch immer aus, von der sich May in einer Minderheitsregierung dulden lassen will.

Bei proeuropäischen Kräften dürfte darum Hoffnung aufkeimen. Die Tage, in denen die Brexit-Anhänger die Diskussion beherrschten und die Scheidung von Brüssel euphorisch als einfache Übung verharmlosten, sind offenbar gezählt. Verflechtungen aus 40 Jahren aufzulösen - das gleicht einer beispiellosen Mammutaufgabe und eben nicht der Kündigung einer Sportclub-Mitgliedschaft. Es schlägt die Stunde der moderaten Kräfte im Parlament, die ab Montag unaufhörlich Erklärungen, Transparenz und ein Mitspracherecht fordern werden. Schatzkanzler Philip Hammond etwa hat sich gegen Mays Kurs gestellt; er tritt für einen Verbleib in der Zollunion ein.

May wird auf diese Kräfte hören müssen, selbst wenn ihr die Europaskeptiker weiterhin auf den Füßen stehen. Sie ist in einer Position, die schwächer kaum sein könnte - innenpolitisch und in Brüssel.

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