Unsere Demokratie wird digital attackiert

Der Cyberkrieg ist nicht mehr Fiktion, sondern längst schon Realität. Jetzt wird unser demokratisches Leben Ziel von Angriffen.

Autorenbild
Politik | Innen- & Außenpolitk Helmut L. Müller

Estland ist schon vor etlichen Jahren Opfer einer mutmaßlichen Cyberattacke Russlands geworden. Der Angriff auf die Infrastruktur dieser baltischen Republik mit starker russischsprachiger Minderheit sollte offenbar eine Vergeltung dafür sein, dass die Metropole Tallinn ein Denkmal aus der Sowjetzeit vom Zentrum an den Stadtrand verlegen wollte - eine maßlose Reaktion aus eher geringfügigem Anlass.

Heute erleben wir eine neue, eskalierende Form der politischen Instrumentalisierung unserer digitalen Welt. Die westlichen Demokratien sind in ihrem Kern - ihren freien Wahlen und ihrem politischen Prozess - zum Ziel von Cyberangriffen geworden. Es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass Russland eine Desinformationskampagne gestartet hat, um führende westliche Politiker zu diskreditieren, das politische Geschehen in seinem Sinn zu beeinflussen und die Demokratie insgesamt zu untergraben.

"Trolle" verbreiten im Auftrag Moskaus die Propaganda des Kremls in der westlichen Öffentlichkeit. "Fake News", gezielte Falschmeldungen, werden in Umlauf gebracht. Vom Computer generierte "Bots" täuschen tausendfache Unterstützung vor, wo es tatsächlich gar keinen so starken Rückhalt für bestimmte Positionen gibt. Hacker stehlen Details aus Computerprogrammen, die dann "geleakt" werden und so direkt eingreifen in eine laufende Wahlauseinandersetzung - wie offenbar in den USA geschehen.

Wir müssen erkennen, wie verletzlich wir durch unser digital vernetztes Leben sind. Wir bieten Schwachstellen, die von Terroristen genauso genützt werden können wie von feindlich gesinnten äußeren Mächten. Der Westen ist sich der Realität dieses "hybriden Krieges" noch nicht ausreichend bewusst. Er scheint auch technologisch nicht ausreichend gerüstet zu sein, um solche Attacken abzuwehren.

Erstaunlich ist nicht nur, dass der künftige US-Präsident Donald Trump die Berichte seiner eigenen Geheimdienste über die Einmischung Moskaus im amerikanischen Wahlkampf dermaßen herunterspielt. Erstaunlich ist auch, dass der Spitzenreiter der Internet-Industrie so wenig Gegenmittel hat.

Hat das damit zu tun, dass man in den USA zwar zu extensiver Überwachung neigt, aber mit dem Datenschutz lax umgeht? Ist es die Arroganz der Immer-weniger-Supermacht, die glaubt, nicht so viel in die Abwehr von Cyberangriffen investieren zu müssen? Die Amerikaner sollten rasch die Expertise der in dieser Hinsicht führenden Israelis einholen. Sonst droht Kontrollverlust auch durch die Digitalisierung.

Aufgerufen am 25.09.2018 um 09:09 auf https://www.sn.at/politik/unsere-demokratie-wird-digital-attackiert-548515

Schlagzeilen