Vorgeschmack auf eine komplizierte Scheidung

Der Rücktritt des EU-Botschafters zeigt, wie die Briten bei den Brexit-Vorbereitungen straucheln - zum Leidwesen aller.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Stephanie Pack-Homolka

Wer nach dem untergriffigen und unehrlichen Wahlkampf gehofft hat, die Briten würden zumindest nach dem Brexit-Referendum wieder zu einer vernünftigen Debatte finden, der wird derzeit bitter enttäuscht. Im Londoner Regierungsviertel streiten Gegner und Befürworter des EU-Austritts weiter, von einer Beruhigung des politischen Klimas keine Spur. Der vorläufige Tiefpunkt ist mit dem Rücktritt des britischen EU-Botschafters Ivan Rogers erreicht: So unüberwindbar scheinen die Differenzen zwischen den beiden Lagern, dass der erfahrene Diplomat den vorzeitigen Abgang aus Brüssel wählte.

EU-Gegner wie den Europaabgeordneten Nigel Farage freut der Rückzug des europafreundlichen Diplomaten. Überhaupt brauche das Außenministe rium eine komplette Entrümpelung, meinte der bri tische Rechtspopulist in einer ersten Reaktion. Die negativen Konsequenzen solcher Personalumbrüche blendet der Brexit-Befürworter dabei offenbar aus.

Rogers gilt in Brüssel nicht nur als europafreundlich, sondern auch als ein versierter und verlässlicher Ansprechpartner für die Vertreter der übrigen EU-Länder und der Kommission. Er hat jahrelange Erfahrung in der Brüsseler Diplomatie, kennt die Mechanismen der Union und weiß über Tücken und Fallstricke, wenn es mit den übrigen 27 EU-Ländern an den Verhandlungstisch geht. Im Londoner Regierungsviertel hingegen seien, so kritisierte Rogers zum Abschied, "ernsthafte Erfahrungen bei multi lateralen Verhandlungen Mangelware".

Genau diese Erfahrungen haben die Briten aber bitter nötig. Nicht erst ab März, wenn das formelle Austrittsgesuch bei der EU eingereicht wird und die Verhandlungen offiziell beginnen, sondern bereits bei den Vorbereitungen. Denn der Austritt aus der EU ist weit mehr als eine politische Willensbekundung. Die Bande zwischen Großbritannien und der Union wurden über Jahrzehnte geknüpft. Sie bestehen aus ganz konkreten, in Verträge und Gesetze gegossenen Übereinkünften. All diese Bande zu lösen wird nicht nur politisch, sondern auch technisch und juristisch eine höchst anspruchsvolle Aufgabe.

Je weniger Plan die Briten selbst von ihrem Austritt aus der Gemeinschaft haben und je schlechter sie auf die Gespräche vorbereitet sind, desto zäher werden diese verlaufen. Und das trifft letztlich auch die übrig bleibenden 27 EU-Länder: Es wird Zeit kosten, personelle Ressourcen und Energie, die Europa dringend für die Bewältigung seiner zahlreichen anderen Probleme braucht.

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