Warum dürfen wir nicht so leben, wie wir wollen?

Dogmatiker mit erhobenem Zeigefinger sagen uns, was wir tun und lassen sollen. Mit zunehmend geringerem Erfolg.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Manfred Perterer

Der Kulturtheoretiker Robert Pfaller hat den Begriff der "maßlosen Mäßigung" geprägt. Er bezieht sich auf den griechischen Philosophen Epikur (341 bis 271 v. Chr.), der gesagt hat, man müsse mit der Mäßigung maßvoll umgehen, weil sie sonst zum Exzess wird. Die These Pfallers lautet sinngemäß: Unsere Gesellschaft hat die Leichtigkeit des Seins verlernt, kann kaum noch genießen und sich nicht mehr richtig freuen. Alles wird ständig hinterfragt, jede positive Gemütsregung wird unter den Röntgenschirm der politischen Korrektheit gelegt. Verzicht und Trübsal sind Lebensmaximen geworden und jedes Durchbrechen der asketischen Demarkationslinie wird mit schlechtem Gewissen bestraft.

Die politischen Vertreter der maßlosen Mäßigung sind vom Glauben besessen, genau zu wissen, wie wir leben sollen. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mit in Gesetze gegossenen Appellen an eingeimpften Wertvorstellungen überschüttet werden. Die Besserwisser sagen uns nicht nur, wie wir leben sollen, sie schreiben es uns auch vor. Und sie sagen es uns ordentlich hinein, wenn wir uns nicht daran halten. Notwendige Verbesserungen werden nicht positiv argumentiert, sondern mit negativen asketischen Gedanken aufgeladen.

Nehmen wir das Beispiel Mobilität. Wer auch nur ein vorläufiges Bekenntnis zum normalen Auto abgibt, wird als rücksichtslos abgestempelt und dem Shitstorm preisgegeben. Die Sorge um die Um- und Nachwelt ist berechtigt, aber der offen zur Schau getragene Dogmatismus erreicht bei den Menschen das Gegenteil.

Wie wäre es damit, den Spieß umzudrehen. Nicht zu sagen: Wenn ich einen Diesel fahre, bin ich ein schlechter Mensch. Sondern: E-Mobility ist cool und sexy, wer elektrisch fährt, ist vorn. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, weg von der negativen Darstellung hin zur positiven. Das gilt vor allem für den öffentlichen Verkehr. Niemand wird zum Öffi-Fan, nur weil die Politik den Individualverkehr verdammt, verteuert und behindert. Bus und Tram müssen endlich so attraktiv gestaltet werden, dass jeder gern umsteigt.

Ähnliches beobachten wir im Lebensmittelbereich. Wer gern Fleisch isst, dem wird ein schlechtes Gewissen gemacht. Er trägt Schuld am Leid von Rind und Schwein und an der Überfrachtung der Atmosphäre mit CO2. Mit der Tierschutzkeule wurde jedoch noch nie ein überzeugter Fleischesser umgedreht. Wie wäre es damit, ihn von den Vorzügen einer ausgewogenen Ernährung zu überzeugen?

Die Grünen in Deutschland haben mit ihrem Plan, den Bürgern einen fleischlosen Tag pro Woche zu verordnen, Schiffbruch erlitten. Die Menschen folgen Verbotsappellen nicht.

Diejenigen, die uns jeden Tag aufs Neue sagen, wie wir zu leben haben, wollen uns vieles austreiben: Ölheizungen, Zigaretten, Fleisch, Bier mit Alkohol, schnelle Autos, Butter, Flugzeuge, Feuerwerke, Kleidung aus Asien, das Häuschen im Grünen, Zweitwohnungen, Barzahlen, Glühbirnen und vieles mehr.

Der erhobene Zeigefinger wird von den Bürgern immer öfter mit einem anderen Finger beantwortet. Wir lassen uns gern von guten Politikern regieren. Wir lassen uns auch sagen, was gut für die Welt ist. Nur müssen wir zuerst davon überzeugt werden. Nur mit positiven Argumenten können wir ins Boot geholt werden. Wer Raucher als asoziale Elemente beschimpft, wird sie nicht vom Glimmstängel wegbringen.

Wer Häuslbauern den Eindruck vermittelt, sie seien rücksichtslose Bodenschmarotzer auf Kosten der Allgemeinheit, wird damit niemanden für eine Genossenschaftswohnung begeistern. Das heißt nicht, dass man den Traum vom Häuschen im Grünen, den immerhin 75 Prozent aller Österreicherinnen und Österreicher haben, auch mit Steuergeld fördern soll, so wie dies viel zu üppig in Salzburg geschehen ist. Aber die Lebensform Einfamilienhaus sollten wir dort akzeptieren, wo sie auch angemessen umgesetzt werden kann.

Warum dürfen wir nicht so leben, wie wir wollen? Weil ein gutes Miteinander Regeln braucht und diese Regeln der Freiheit Grenzen setzen. Das ist auch gut so. Doch das geht auch ohne Dogmatismus, dafür mit einem Schuss mehr Pragmatismus und konstruktiver Überzeugungskraft.

Aufgerufen am 25.09.2018 um 03:32 auf https://www.sn.at/politik/warum-duerfen-wir-nicht-so-leben-wie-wir-wollen-1207897

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