Weltpolitik

200 Mio. Frauen leben mit Folgen von Genitalverstümmelung

Rund 200 Millionen Frauen leben weltweit mit den Folgen einer Genitalverstümmelung. Der Eingriff ist verbreitet in etwa 30 Ländern in Teilen Afrikas, des Nahen Ostens und Asiens. Er gilt als schwere Menschenrechtsverletzung, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) anlässlich des internationalen Tages gegen weibliche Genitalverstümmelung am 6. Februar in Erinnerung rief.

Die Hälfte der betroffenen Frauen lebt nach Angaben des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF in Indonesien, Ägypten und Äthiopien. Die WHO rief am Dienstag Ärzte und medizinisches Personal auf, solche Eingriffe niemals durchzuführen. Sie hat Richtlinien veröffentlicht, wie Ärzte Verletzungen durch FGM (Female Genital Mutilation) am besten behandeln können.

Europa sei nicht vor diesem Problem gefeit, mahnte NEOS-Frauensprecherin Claudia Gamon am Dienstag. Die Nationalratsabgeordnete forderte unter Verweis auf die Schätzungen des Europäischen Parlaments, denen zufolge rund 500.000 Mädchen und Frauen in der EU betroffen sind, auch von der Union Maßnahmen, um gefährdete Mädchen und Frauen zu schützen.

Zu den wichtigsten Instrumenten im Kampf gegen FGM zählt die NEOS-Spitzenkandidatin bei der EU-Wahl "neben strafrechtlichen Maßnahmen, Bildung und Aufklärung". Zahlen der UNICEF belegten ganz klar, dass die Fälle in jenen Regionen deutlich sinken, in denen konsequente Aufklärungsarbeit geleistet werde. In Ländern wie Kenia oder Tansania seien die Raten von FGM innerhalb der letzten drei Jahrzehnte auf rund ein Drittel des Ursprungswerts gesunken, so Gamon.

Auch Petra Bayr, SPÖ-Bereichssprecherin für globale Entwicklung und Gründerin der Plattform gegen weibliche Genitalverstümmelung, sieht Aufklärungsarbeit als zentral für die Abschottung von FGM. "Eines der wichtigsten Dinge" sei der politische Wille, FGM zu verbieten, diese Gesetze flächendeckend zu implementieren sowie die "Finanzierung von bewusstseinsbildenden Programmen" zu fördern, erklärte die SPÖ-Bereichssprecherin.

Ein gutes Beispiel liefere Äthiopien, so Bayr: "Dort ist FGM nicht nur an sich per Gesetz gebannt, es ist dem Gesundheitspersonal ausdrücklich verboten, sich an Verstümmelungen zu beteiligen und es wurde auch das konkrete Ziel gesteckt, bis 2025 FGM komplett zu beenden."

Bayr warnte vor der Gefahr der sogenannten "medicalisation of FGM", der Genitalverstümmelung unter medizinischer Aufsicht. Da sich viele Kampagnen gegen FGM lange Zeit auf die medizinischen Risiken konzentriert hätten, werde in manchen Ländern weibliche Genitalverstümmelung nun vermehrt unter medizinischer Aufsicht durchgeführt, so die Nationalratsabgeordnete. Dadurch entstehe ein falscher Eindruck über die gesundheitliche Sicherheit dieser Praktik.

Die Problematik zeige sich zum Beispiel in Indonesien, wo FGM bis 2010 gesetzlich verboten war, das Gesetz jedoch durch eine Weisung des Gesundheitsministeriums über die korrekte medizinische Durchführung von FGM de facto aufgehoben wurde. Etwa 40 Millionen indonesische Frauen litten unter den Folgen weiblicher Genitalverstümmelung, so Bayr. "Selbst wenn FGM unter hygienischen Umständen durchgeführt wird, gibt es keine Rechtfertigung. Es bleibt eine grobe Menschenrechtsverletzung", stellte die SPÖ-Bereichssprecherin klar.

Die österreichische Entwicklungs-NGO Horizont3000 startet am 6. Februar gemeinsam mit der lokalen Partnerorganisation HEfDA (Harmee Education for Development Association) in Äthiopien ein Projekt gegen FGM. In dieses würden 2.000 lokale Multiplikatoren eingebunden, die über einen dreijährigen Zeitraum bewusstseinsbildende Arbeit vor Ort leisten sollen, um Frauen und Mütter mit Argumenten zu befähigen, sich gegen Beschneidung zu wehren.

Ein ähnliches Ziel verfolgt das private Kinderhilfswerk "Hilfe mit Plan" in Burkina Faso. Die gemeinnützige Stiftung startete bereits im November 2018 in Zusammenarbeit mit der österreichischen Entwicklungsagentur ADA (Austrian Development Agency) ein dreijähriges Projekt in dem westafrikanischen Land, in dem etwa drei Viertel aller Frauen beschnitten sind. In den nächsten drei Jahren sollen die sozialen Rahmenbedingungen in der Provinz Mouhoun im Nordosten Burkina Fasos so weit verändert werden, dass die weibliche Genitalverstümmelung langfristig in 100 Gemeinden beendet wird, hieß es am Dienstag.

Als Genitalverstümmelung bei Mädchen und Frauen gilt jede Prozedur, bei der die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane aus nicht medizinischen Gründen ganz oder teilweise entfernt werden. Der Eingriff führt oft zu starken Blutungen, Infektionen und später zu Zysten und Totgeburten. "Es gibt keine medizinische Rechtfertigung für FGM", sagte WHO-Sprecher Tarik Jasarevic. Im Gegensatz dazu kann die Beschneidung bei Männern, bei der die Vorhaut des Penis teilweise entfernt wird, etwa vor bestimmten Krankheiten schützen.

Die Praxis ist älter als Christentum und Islam. Mädchen werden sowohl in christlichen als auch in islamischen Ländern beschnitten. Die Verstümmelung soll unter anderem die Lust am Sex einschränken. Für viele Frauen ist der Geschlechtsverkehr danach schmerzhaft. Der UNO-Bevölkerungsfonds (UNFPA) gibt zwar an, die Praxis gehe tendenziell zurück. Durch das Bevölkerungswachstum in den betroffenen Ländern sinke die absolute Zahl aber dennoch kaum.

In Österreich soll es laut Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ) eine "Dunkelziffer" in der Höhe von rund 8.000 betroffenen Frauen und Mädchen geben. Die Ministerin kündigte daher zu Beginn des Jahres für 2019 einen Schwerpunkt im Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung an.

Quelle: APA

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