Weltpolitik

Als der Platz des Himmlischen Friedens zur Hölle wurde

Vor 30 Jahren stoppte Chinas Militär die friedliche Demokratiebewegung auf blutige Weise. Das Trauma vom Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking wirkt bis heute nach.

 Mann gegen Maschine, Mut gegen Macht, Freiheit gegen Unterdrückung: Ein einzelner Mensch sucht 1989 die Panzerkolonne in Peking aufzuhalten. SN/ap
Mann gegen Maschine, Mut gegen Macht, Freiheit gegen Unterdrückung: Ein einzelner Mensch sucht 1989 die Panzerkolonne in Peking aufzuhalten.

Beide waren in den frühen Morgenstunden des 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz: Fang Zheng, der Student, und Li Xiaoming, der Soldat. Opfer und Täter? Die Geschichte hat keine einfache Antwort. Beide wirken auch 30 Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung in China traumatisiert. Fang Zheng sitzt im Rollstuhl. Er hat beide Beine verloren, als ihn damals ein Panzer überrollte. Und Li Xiaoming, der Ex-Offizier, bricht in Tränen aus, als er sagt: "Ich habe nicht geschossen. Ich habe niemanden getötet."

Beide leben heute im Exil. Nur deswegen können sie offen über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking sprechen. Beide wollen das dunkle Kapitel in Chinas Geschichte aufklären. Erstmals treffen sie sich bei einer Konferenz zum 30. Jahrestag in Taipeh, der Hauptstadt des demokratischen, freien Taiwans.

Hunderte kamen damals ums Leben, als die Parteiführung die Truppen schickte, um den friedlichen Protest zu ersticken. Das Chinesische Rote Kreuz schätzte damals 2600 Tote. Aber niemand weiß es genau. Der Militäreinsatz ist in China bis heute ein politisches Tabu. Viele Angehörige der Opfer schweigen unter dem Druck des Apparats. Fang Zheng wollte nicht schweigen. Er hat dafür einen Preis gezahlt. Die Verfolgung wurde so unerträglich, dass er 2009 mit Frau und Tochter in die USA ausreiste.

Er will die Wahrheit wissen. "Warum gab es Panzer, die Studenten mit hohem Tempo töteten, wenn das Militär die Räumung des Platzes bereits abgeschlossen hatte?", fragt Fang Zheng. "Mit einer ganzen Gruppe von Panzern dürfte es keine Einzeltat gewesen sein - sondern es muss einen Befehl gegeben haben", ist sich Fang Zheng sicher. Er will wissen, wen in Chinas Parteiführung und Militär die Schuld trifft. "Ich hoffe, dass die Wahrheit über den 4. Juni bald enthüllt wird."

Jemand wie Li Xiaoming, heute Generalsekretär der demokratischen Koalition der Überseechinesen in Australien, kann und will helfen. Dafür ist ihm Fang Zheng dankbar: "Ich hoffe, eines Tages, wenn es vor Gericht kommt, werden wir Augenzeugen wie Li Xiaoming aus dem Militär finden." Es klingt versöhnlich. Beide kämpfen im Exil für die gleiche Sache - die Wahrheit und ein demokratisches China.

Wochenlang war die kommunistische Führung im Frühjahr 1989 wie gelähmt, als die Proteste im ganzen Land an Fahrt gewannen und die Studenten in den Hungerstreik traten. Der reformerische Parteichef Zhao Ziyang hatte Sympathien für die Studenten, verlor aber am Ende den Machtkampf gegen die Hardliner und den "starken Mann" Deng Xiaoping, der die Entscheidung zum gewaltsamen Vorgehen traf.

Niemand hatte damit gerechnet, dass die Armee auf das eigene Volk schießen würde. Bis dahin herrschte Aufbruchstimmung, Hoffnung auf eine demokratische Zukunft für China. "Dass die Volksbefreiungsarmee Kugeln und Panzer einsetzte, um unbewaffnete chinesische Zivilisten zu töten, bedeutete einen Verlust der Legitimität für die Partei in großen Teilen der Bevölkerung", berichtet der China-Experte Michel Bonnin. Es habe ihnen "die Brutalität des Regimes" vor Augen geführt.

In den folgenden Jahren kompensierte die Parteiführung die Lücke mit Nationalismus und antiwestlicher Propaganda. Deng Xiaoping bot dem Volk mit seinen Wirtschaftsreformen ein "Geschäft" an: politischer Gehorsam gegen die Aussicht, reich oder zumindest wohlhabender als zuvor zu werden. Gepaart mit Zensur, Einschüchterung, Verfolgung und Kontrolle hat es weitgehend funktioniert - heute sogar mit modernster digitaler Technologie. "Die Antwort auf das Gespenst von 1989 war 1984", sagt Bonnin unter Hinweis auf den dystopischen Roman "1984" von George Orwell über den totalen Überwachungsstaat.

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