Weltpolitik

Auszeichnungsstreit belastet Tschechiens Nationalfeiertag

Überschattet vom Streit um die angeblich abgesagte Auszeichnung des Holocaust-Überlebenden Jiri Brady hat Tschechien am Freitag seinen wichtigsten Staatsfeiertag begangen - den 98. Jahrestag der Gründung der Tschechoslowakei. Wie jedes Jahr haben die Spitzenpolitiker an einer militärischen Zeremonie teilgenommen und Kränze am Grab des unbekannten Soldaten auf dem Prager Berg Vitkov niedergelegt.

Umgeben von Kränzen und Blumen waren auch die Statue des ersten tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomas Garrigue Masaryk vor der Prager Burg und die Statue seines Nachfolgers, des ersten tschechoslowakischen Außenministers Edvard Benes, vor dem Gebäude des Außenministeriums.

Auf einer Versammlung von Widerstandskämpfern trat der ehemalige Staatspräsident Vaclav Klaus mit einer kämpferischen Rede auf. Er kritisierte erneut die EU und bezeichnete "Europa und im breiterem Sinne den gesamten Westen" als "krank". Das Schwachwerden des Westens habe den Raum für die Migrationskrise geschaffen, wobei diese erst am Anfang stehe und Europa gefährde.

"Die europäischen Eliten wissen das aber nicht, oder wollen das nicht wissen", betonte Klaus, der über eine "vernichtende 'Social-Engineering'-Theorie des Multikulturalismus" sprach. (Mit Social Engineering wird die Manipulation bzw. Veränderung der Gesellschaft durch gezielte staatliche Eingriffe verstanden, Anm.) Man müsse die Souveränität des tschechischen Staates "wieder verteidigen", damit man in zwei Jahren noch was zu feiern habe, fügte Klaus hinzu in Anspielung auf das Jahr 2018, den 100. Jahrestag der Gründung der Tschechoslowakei.

Während die Spitzenpolitiker an der Zeremonie am Vormittag auf dem Vitkov gemeinsam teilgenommen haben, sollte dies bei dem offiziellen Staatsakt auf der Prager Burg am Abend nicht der Fall sein. Eine Menge von Politikern wollte die Versammlung, auf der Staatspräsident Milos Zeman die Staatsorden übergeben sollte, boykottieren. Der Grund ist die ursprünglich geplante, später jedoch angeblich abgesagte Auszeichnung von Brady durch den Präsidenten. Zeman soll ihn von der Nominierungsliste gestrichen haben, weil Kulturminister Daniel Herman, ein Verwandter Bradys, kürzlich mit dem Dalai Lama, dem geistlichen Führer der Tibeter, kürzlich offiziell zusammengetroffen war. Die Präsidentenkanzlei bestreitet diesen Zusammenhang.

Zemans Kritiker beriefen für Freitagabend wegen des Streites um Brady eine alternative Versammlung zum Nationalfeiertag ein. Mehrere Tausend Teilnehmer, darunter die boykottierenden Politiker, wurden auf der Veranstaltung erwartet. Auch Brady soll dabei sein, um eine Medaille der Universität Olmütz (Olomouc) von deren Rektor zu übernehmen. Nach der Beendigung der Versammlung planten die Demonstranten einen Marsch auf den Hradschin-Platz direkt bei der Prager Burg.

Quelle: APA

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