Weltpolitik

Balkanroute II: Kaum Flüchtlinge in Albanien

Die jüngst in Österreich thematisierte "Balkanroute II." entzieht sich zumindest in Albanien weitgehend der Wahrnehmung. Vertreter aus Politik und Diplomatie stimmen gegenüber österreichischen Journalisten darin überein, dass Spekulationen bezüglich einer neuen Massenfluchtroute über das Land derzeit keine reale Grundlage haben.

Albaniens Premier Rama kann Österreichs Bedenken nicht nachvollziehen SN/APA/ROBERT JAEGER
Albaniens Premier Rama kann Österreichs Bedenken nicht nachvollziehen

Zwar verzeichneten die albanischen Behörden seit Jahresbeginn tatsächlich leichte Zuwächse bei der Einreise von Migranten aus dem Nahen Osten und anderen Flüchtlingsregionen. In absoluten Zahlen hielt sich die Anzahl mit je nach Quelle zwischen 2.000 und 2.400 Flüchtlingen aber in engen Grenzen.

Dazu kommt, dass der größere Teil davon ganz legal über die griechisch-albanische Grenze ins Land kam. Rund die Hälfte der Neuankömmlinge - die meisten aus Syrien - stellte laut einem Bericht der "Albanian Daily News" vom 4. Juni einen Asylantrag in Albanien.

Der Bürgermeister von Tirana, Erion Veliaj, verweist darauf, dass sich Albanien aufgrund der vielfach noch aus der Zeit des Diktators Enver Hoxha stammenden, aus paranoider Angst vor militärischen Invasionen hinderlich angelegten Verkehrsinfrastruktur grundsätzlich nicht gut als Transitland für Massenfluchtbewegungen eignet. Es gebe zudem "null Beweise" für eine bevorstehende, neue Flüchtlingswelle, so Veliaj im Gespräch mit österreichischen Journalisten, die sich auf einer vom Wiener Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) organisierten Reise im Land befanden.

Direkte Bootsflüchtlinge gebe es in Albanien keine, ist sich sein Amtskollege in der Hafenstadt Durres, Vanjush Dako, sicher. Allein die dichte Kontrolle der Küste durch die italienische Guardia di Finanza (Finanzpolizei) - ein Resultat des bis vor einigen Jahren blühenden Cannabishandels über die Adria - verunmögliche die Landung von Flüchtlingsbooten, so Dako.

Ministerpräsident Edi Rama pflichtet seinen beiden Parteikollegen bei und verweist, wie schon bei seinem Wien-Besuch vergangene Woche, auf die trotz des prozentuellen Anstiegs in diesem Jahr im Vergleich immer noch äußerst niedrigen Flüchtlingszahlen in Albanien: "Es ist kein Problem. Wir haben kein großes Aufheben um die Sache gemacht." Zäune brauche Albanien keine. Falls es zu dennoch zu einer neuen Flüchtlingskrise komme, müsse die EU Albanien helfen.

Selbst der sonst kaum ein gutes Haar an der Regierung und den herrschenden Sozialisten lassende konservative Europapolitiker Genc Pollo sieht keinerlei Dramatik in der Flüchtlingssituation in seinem Land. Die Zahlen seien "marginal", sagt auch er.

Der aus seiner Zeit als Sonderkoordinator des Stabilitätspakts für Südosteuropa mit den Verhältnissen in Albanien bestens vertraute, frühere Vizekanzler und ÖVP-Obmann Erhard Busek findet die wohl deutlichsten Worte zu der Angelegenheit. Die Idee einer Balkanroute II. via Albanien sei "idiotisch" und rein innenpolitisch motiviert. "Die gibt's gar nicht", so die Einschätzung des IDM-Vorstandvorsitzenden.

Quelle: APA

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