Weltpolitik

Bayern wählt: Jetzt geht's um die Wurst

Weißwurst, Schweinsbratwürstel oder Currywurst? Diese Entscheidung treffen Münchner auf dem Viktualienmarkt in Sekunden. Die Wahl am Sonntag fällt deutlich schwerer.

 SN/

Die bayerische Landtagswahl morgen, Sonntag, liegt Harald Rosner im Magen, obwohl sie noch gar nicht geschlagen ist. "Ich bin ein Schwarzer", sagt der 75-Jährige und schiebt mit einem Zahnstocher ein Stück in Ketchup getunkte Currywurst in den Mund. Ein CSU-Wähler also. Eingefleischt. Noch kauend setzt er fort: "Ich wähl die CSU, weil's Bayern gut geht. Narrisch gut. Warum sollt ich also was ändern?"

Dieser Meinung sind nicht mehr alle, die früher CSU gewählt haben. Glaubt man aktuellen Umfragen, ist die absolute Mehrheit in weiter Ferne, die 47,7 Prozent von vor fünf Jahren sind unerreichbar. Magere 33 bis 35 Prozent haben Meinungsforscher zuletzt ermittelt.

Rosner balanciert noch mehr Tunke auf seiner Wurst - und schluckt. "Ich versteh das nicht. Nur weil ich unzufrieden bin, kann ich doch nicht die AfD wählen. Das ist mir unbegreiflich. Und die, die zu den Grünen abwandern, weil ihnen angeblich das Christliche bei den Christlich-Sozialen fehlt - mei, das C hab ich persönlich schon lang gestrichen. Die CSU ist nicht radikal, sie greift nur durch. So wie ihr in Österreich auch. Vor eurem Kanzler hab ich Respekt."

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder von den Christlich-Sozialen offenbar auch. Er hat sich für seinen letzten Auftritt am Freitagabend Wahlkampfhilfe von Sebastian Kurz geholt. "Für so einen Kanzler würden wir uns alle zehn Finger abschlecken", sagt Harald Rosner. Macht er dann auch.

Da muss ein Herr vom Nebentisch seinen Senf dazugeben. "Also mit Verlaub", mischt er sich ein. "Was der Söder da macht, ist Fischen am rechten Rand." Geschickt zieht er mit Messer und Gabel die Haut von einer Weißwurst. "Ich halte den Söder für einen eiskalten Politiker, der ziemlich alles tun würde, wenn's gut ankommt. Dem Söder geht's vor allem um den Söder. Wir sollten uns doch einmal umschauen, hier auf dem Viktualienmarkt", sagt er.

Zwischen Sonnenblumen, Kisten mit Steinpilzen, einem Fass mit Dill-Salz-Gurken und Körben voll mit Tomaten, Äpfeln und Zwetschken flanieren Menschen in der Sonne und suchen die Zutaten fürs Abendessen aus. "Es geht uns doch gut", sagt der Herr mit den Weißwürsten. "Da können wir doch wohl eine Partei wählen, die sich um jene kümmert, denen es nicht so gut geht." Er wähle die Grünen und ihm graue davor, dass eine Partei wie die AfD in den Landtag einzieht - das sei allen Umfragen zufolge nämlich gegessen und deren erstmaliger Einzug in den Landtag fix. "Wenn die AfD im Landtag sitzt, wird es mit unserer Liberalität ein Ende haben. Die anderen Parteien werden dann von ihr gejagt und treffen Entscheidungen, die sie so sonst nicht treffen würden." Sagt's und bringt seinen Teller zurück.

Ein paar Schritte weiter duftet es nach Brot. "Gutes altes Bauernbrot - wie früher" steht auf einem Schild. Und auch sonst sehnt man sich hier nach vergangenen Zeiten zurück. Dass der Wahltag am Sonntag eine Zeitenwende bedeutet für Bayern, dessen ist sich die Verkäuferin hinter den Brotbergen sicher. "Die Leut' sind halt unzufrieden. Schauen sie sich doch um", sagt auch sie. Nur sieht sie ein völlig anderes Bild als der Grün-Wähler von vorhin. "Da sind immer weniger Marktstände in deutscher Hand. Da übernehmen andere. Und das wird eben zu viel. Das hat nichts mehr mit dem Viktualienmarkt zu tun, wie er früher einmal war."

Ein Schild, welches das Münchner Reinheitsgebot seit 1487 preist, weist den Weg zu gut besetzten Bierbänken, die den Rand des Viktualienmarktes säumen. Herzog Albrecht IV. von Bayern war es, der damals zum ersten Mal eine verbindliche Ordnung erließ, welche Zutaten zum Bierbrauen verwendet werden durften. Nämlich nur Gerste, Hopfen und Wasser. Inzwischen darf die Hefe auch mit dazu.

Die Zusammensetzung des bayerischen Landtags hingegen wird künftig vielfältiger sein - so sehr sich die CSU in den letzten Zügen auch dort um eine Art Reinheitsgebot bemüht hat. "Aber das Aufmandeln von Typen wie Seehofer, Söder, Trump in den USA oder diesem Bolsonaro in Brasilien haben viele Leute einfach satt", sagt Silvia Pfaff. Sie habe aber überhaupt noch nie CSU gewählt, sondern stets Grün, sagt die Lehrerin aus München, die auf einer der Bänke in die Sonne blinzelt. "Das war schon so, als mein Vater noch den Franz Josef Strauß gewählt hat, da war ich schon auf den Barrikaden", sagt sie. Räumt aber ein, dass die Sache auf dem Land wohl ganz anders aussehe. "Auf dem Land und im Bierzelt kommt der Söder gut an, hier in der Stadt ist er vielen unsympathisch."

Am Nebentisch sind drei Frauen, drei Kiwi-Spinat-Smoothies vor sich, noch völlig unschlüssig, wen sie am Sonntag wählen werden. Die Auswahl aus der umfangreichen Getränke-Karte war da wesentlich einfacher. "Normalerweise wusste ich immer, wen ich wähle", sagt eine von ihnen. "Aber dieses Mal ist mir keiner recht. Wichtig ist mir nur, dass die AfD keine Stimmen kriegt."

Die anderen saugen an ihren Strohhalmen und nicken. "Hingehen werd ich schon", setzt die erste fort. "Aber wo ich dann meine Kreuzerl mach? Keine Ahnung. Sicher geht's uns gut. Aber vielleicht ging's uns mit anderen als der CSU noch besser? Wer weiß? War ja noch nie wer anderer dran."

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