Weltpolitik

Bedeutet das Aus für Trump auch das Ende des Populismus?

Durch die Corona-Pandemie ist es stiller um populistische Parteien wie die deutsche "Alternative für Deutschland" oder die französische Front National geworden. Mit der Abwahl von Donald Trump hat der Populismus nun seinen weltweit bekanntesten Vertreter verloren. Kehrt nun Ruhe in die Politik? Das darf bezweifelt werden

Das Graffitti nimmt Bezug auf ein Kommentar des CNN-Moderators Anderson Cooper nach der US-Wahl. Cooper sagte über Trump: „Wir sehen ihn wie eine übergewichtige Schildkröte in der heißen Sonne auf dem Rücken strampelnd, realisierend, dass seine Zeit vorbei ist.“  SN/AFP
Das Graffitti nimmt Bezug auf ein Kommentar des CNN-Moderators Anderson Cooper nach der US-Wahl. Cooper sagte über Trump: „Wir sehen ihn wie eine übergewichtige Schildkröte in der heißen Sonne auf dem Rücken strampelnd, realisierend, dass seine Zeit vorbei ist.“

Donald Trump war Vorbild und Inspiration für die Rechtspopulisten Europas. Italiens Lega-Chef Matteo Salvini träumte von einer "internationalen Front" mit Trump, dem Briten Boris Johnson und anderen. Der deutsche AfD-Chef Jörg Meuthen bejubelte Trump, ebenso die Französin Marine Le Pen und der Ungar Viktor Orban. Trumps ehemaliger Berater Steve Bannon umwarb sie alle für eine Bewegung, die das vermeintliche "Elitenprojekt" EU bei der Europawahl 2019 stürzen sollte.

Ist Trumps Niederlage bei der US-Wahl das Ende des Popuismus?

Aus der mächtigen Allianz ist nichts geworden. Und die Galionsfigur Trump erlitt bei der US-Wahl eine Niederlage. Geht nun auch den europäischen Populisten die Luft aus? Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier pochte am Montag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" auf eine Rückkehr der Vernunft und des Vertrauens in die Demokratie. Der ehemalige EU-Ratschef Donald Tusk twitterte: "Trumps Niederlage kann der Anfang vom Ende des Triumphs des Rechts-Außen-Populismus auch in Europa sein."

Salvinis Lega flog aus er Regierung in Rom.  SN/AP
Salvinis Lega flog aus er Regierung in Rom.

Tatsächlich schwächeln Salvini, Meuthen und Co. seit Monaten. Die italienische Lega ist nicht mehr in der Regierung und sackte in Umfragen von 40 auf bis zu 23 Prozent ab, in Österreich flog die FPÖ aus der Koalition mit Kanzler Sebastian Kurz und erlitt in Wien im Oktober ein Wahldebakel. Die deutsche AfD ist beschäftigt mit Grabenkämpfen.

Europas populistische Parteien konnten während Corona nicht punkten

Für einen Abgesang auf die europäische Rechte sei es dennoch zu früh, meint Christoph Trebesch vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. "Die schwächeln auf sehr hohem Niveau", sagt der Wissenschafter, der gerade gemeinsam mit Manuel Funke und Moritz Schularick eine Studie zum historischen Auf und Ab populistischer Regierungen und deren Wirtschaftspolitik vorgelegt hat. "Es ist kein Phänomen, das schnell wieder verschwinden wird."

Vorerst scheinen Europas populistische Parteien vor allem unter Corona zu leiden. Bei einer weltweiten YouGov-Umfrage in diesem Sommer zeigte sich in vielen Ländern ein eindeutiger Rückgang populistischer Tendenzen. Dazu zählten Deutschland, Großbritannien, Dänemark, Frankreich und Italien. Die Experten erklären den Trend mit der Pandemie, die alle Aufmerksamkeit auf sich ziehe.

Populistische Themen wie Migration standen im Schatten

Die Krise war ja die Stunde der Exekutive - der Staat ordnete an, der Staat verteilte Milliarden. Die Herrschenden und ihre Institutionen erlebten mancherorts eine wundersame Renaissance. Zwar wuchs die Kritik an den staatlichen Eingriffen und dem Regieren per Verordnung. Nur profitierten populistische Parteien in Umfragen kaum. Ihre Themen Migration, Islamismus, Staatsskepsis standen im Schatten. Der Ansatz Kleine-Leute-Kümmerer gegen korrupte Machtelite zog wenig bei einem Virus, das alle treffen kann.

In Großbritannien hat mit knapp 50.000 Corona-Toten die meisten Opfern innerhalb Europas zu beklagen. Viele machen die Politik von Premier Boris Johnson dafür verantwortlich. SN/AFP
In Großbritannien hat mit knapp 50.000 Corona-Toten die meisten Opfern innerhalb Europas zu beklagen. Viele machen die Politik von Premier Boris Johnson dafür verantwortlich.

Wo Populisten an der Macht waren, fuhren sie oft im Schlingerkurs durch die Pandemie. Nicht nur Trump lieferte eine durchwachsene Bilanz mit hohen Todeszahlen und konfuser Politik, auch sein britischer Verbündeter Johnson wirkte wie ein Getriebener. "Die Reaktion der Populisten in Indien, England, USA, Polen oder Ungarn war nicht besonders überzeugend", sagt IfW-Experte Trebesch.

Mit Trump fehlt Johnson ein wichtiger Bündnispartner

Trump schnitt bei der Wahl trotzdem überraschend gut ab - aber es hat eben nicht gereicht. Damit fehlt seinen europäischen Kollegen künftig ein wichtiger Bündnispartner. Vor allem Johnson trifft das hart. Der amerikanische Noch-Präsident hat den Brexit stets gefeiert und mit einem "riesigen Handelsabkommen" zwischen USA und Großbritannien gelockt - besser als jeder Deal mit der EU. Der EU-freundliche Demokrat Joe Biden sieht Johnsons Politik weitaus skeptischer.

Die europäische Rechte hat mit Trump eine Symbolfigur verloren

Trumps Niederlage werde auch die Debatte in den Medien neu ordnen, erwartet der niederländische Populismusexperte Cas Mudde, der in den USA lehrt. "Alle werden über "das Ende des Populismus schreiben, was Themen und Parteien der Rechtsaußen aus den Nachrichten verdrängen dürfte."

Die europäische Rechte hat also eine Symbolfigur verloren, einen politischen Verbündeten im Weißen Haus, ihre Themen werden überlagert und sie verlieren womöglich die Deutungshoheit. Und trotzdem erwarten Experten, dass mit Salvini, Le Pen und Co. weiter zu rechnen ist. Warum?

Die Themen der Populisten sind aber nicht verschwunden

Zum einen sind ihre Ur-Themen nicht verschwunden. Le Pen etwa verweist nach den Anschlägen der letzten Wochen in Frankreich wieder auf radikalen Islamismus und Einwanderung. Im Ton gibt sie sich zurückhaltender als früher, was ihr zu nützen scheint. Umfragen sehen die Rechtspopulistin in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl 2022 Kopf an Kopf mit Präsident Emmanuel Macron. Salvinis Lega ist übrigens auch mit 23 bis 25 Prozent noch stärkste Partei in Italiens Umfragen. Orban sitzt in Ungarn ohnehin fest im Sattel.

"Das Virus ist wie ein Vulkan"

Zum anderen könnte die Corona-Wirtschaftskrise den Zorn auf die traditionellen Parteien neu anfachen. "Das Virus ist wie ein Vulkan", warnt der Soziologe Matthijs Rooduijn von der Universität Amsterdam im "Guardian". "Es hat den Populismus hart getroffen, aber es wird fruchtbaren Nährboden für die Zukunft hinterlassen."

Der Kieler Forscher Trebesch sieht das genauso. Sollte die Pandemie zur sozialen und wirtschaftlichen Krise werden, "könnten die Populisten wieder Aufwind bekommen": Dann zünde die Erzählung Volk gegen Elite wieder und auch der Vorwurf, das Establishment habe versagt. "Populismus braucht einen Nährboden. Und der ist immer noch da", sagt Trebesch. Populisten böten ein Freund-Feind-Schema, ein Zugehörigkeitsgefühl, Emotionen - nicht nur politische Inhalte.

Populisten als Überlebenskünstler

Wirtschaftspolitisch waren die 50 in seiner Studie untersuchten populistischen Präsidenten und Ministerpräsidenten seit 1900 erstaunlich erfolglos - die Wirtschaftskraft pro Kopf lag nach 15 Jahren um mehr als 10 Prozent niedriger als in Vergleichsszenarien.

Und doch zeigte sich, dass Länder, die einmal populistische Politiker an die Macht gebracht haben, dies durchaus wieder tun. Siehe zum Beispiel Italien, wo nach Silvio Berlusconi auch Salvini groß wurde. Diese "serielle Natur des Populismus" sieht Trebesch als das überraschendste Ergebnis der Studie. "Insgesamt sind Populisten Überlebenskünstler."

Quelle: Apa/Dpa

Aufgerufen am 06.12.2020 um 02:29 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/bedeutet-das-aus-fuer-trump-auch-das-ende-des-populismus-95389444

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