Weltpolitik

Berlin-Anschlag: Fingerabdrücke des Verdächtigen im Lkw

In Deutschland suchen die Behörden fieberhaft nach Anis Amri. Gegen den Tunesier, der für den Anschlag in Berlin verantwortlich gemacht wird, wurde am Donnerstag Haftbefehl erlassen. Seine Fingerandrücke waren auch im Innenraum des für die Todesfahrt verwendeten Lkws gefunden worden. Bei einer Reihe von Einsätzen wurde bisher erfolglos nach Amri gefahndet.

Auf der Suche nach dem Tunesier stürmte die Polizei u.a. einen Salafistentreffpunkt. Die "Berliner Zeitung" berichtete, bei dem Einsatz gegen den Moschee-Verein "Fussilet 33" seien Blendgranaten benutzt und eine Tür aufgesprengt worden. In dem Verein soll auch Amri verkehrt haben.

In diesem Zusammenhang veröffentlichte der Sender rbb am Donnerstagabend Observationsbilder, die den 24 Jahre alten Tunesier wenige Stunden nach dem Anschlag vor dem "Fussilet 33" zeigen sollen. Demnach wurde Amri am frühen Dienstagmorgen gefilmt, also knapp acht Stunden nach dem Anschlag. Weitere Observationsbilder sollen den Tunesier an derselben Stelle am 14. und 15. Dezember zeigen. Die Berliner Polizei wollte den Bericht nicht kommentieren.

Der Moschee-Verein "Fussilet 33" wird im jüngsten Bericht des Berliner Verfassungsschutzes als Treffpunkt von Islamisten geführt. Beim Islamunterricht sollen dort Muslime - meist Türken und Kaukasier - für den bewaffneten Kampf der Terrormiliz "Islamischer Staat" in Syrien radikalisiert worden sein. Auch sei Geld für Terroranschläge in Syrien gesammelt worden. 2015 hatte die Polizei die Räume schon einmal gestürmt. Ein Imam saß zeitweise in Untersuchungshaft.

Nach dpa-Information gab es noch weitere Einsätze gegen mögliche Kontaktpersonen Amris in der Hauptstadt. Nach Hinweisen aus der Bevölkerung stoppte die Polizei auch U-Bahnen auf der Suche nach dem Verdächtigen. Nach Angaben eines dpa-Reporters durchsuchten Spezialkräfte mit Maschinenpistolen u.a. eine Bahn am U-Bahnhof Mehringdamm. Außerdem soll ein Reisebus in Heilbronn kontrolliert worden sein. Die Suche nach Amri blieb jedoch ergebnislos.

Der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt ist laut Nachrichtenagentur Reuters zum Teil auf dem Video einer Auto-Kamera (Dashcam) festgehalten. In dem Film ist zu sehen, wie der schwarze Lkw ungebremst in Richtung des hell erleuchteten Marktes an der Gedächtniskirche rast. Sekunden später fliehen Menschen vom Breitscheidplatz.

Auf die Spur Amris kamen die Ermittler, als sie im Lastwagen seine Duldungspapiere fanden. Das passierte aber erst am Dienstag, weil die Fahrerkabine zunächst versiegelt worden war. Auch weitere Hinweise seien gefunden worden, sagte de Maiziere. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einer "hoffentlich baldigen Festnahme".

Merkel sagte, man habe in Deutschland in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um dem Terrorismus Herr zu werden. Heute befinde man sich in einer Bewährungsprobe. Dabei habe man die "Werte von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf unsere Seite". Sie sei stolz, wie die Menschen auf den Anschlag reagiert hätten.

Man habe theoretisch "schon seit langem gewusst, dass wir auch Zielscheibe des islamistischen Terrorismus sind. Und trotzdem ist dann, wenn ein solcher Fall eintritt, wie dieser terroristische Anschlag auf den Breitscheidplatz, das natürlich noch einmal etwas ganz anderes", sagte Merkel. Deshalb seien die Gedanken bei den Angehörigen der Opfer und bei den Verletzten im Krankenhaus. "Und gerade ihnen schulden wir auch die bestmögliche Arbeit", ergänzte die Kanzlerin.

Amri habe sich als Selbstmordattentäter angeboten, berichtet das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" unter Berufung auf Ergebnisse aus der Telekommunikationsüberwachung in Ermittlungen gegen mehrere Hassprediger. Die Äußerungen seien aber so verklausuliert gewesen, dass sie nicht für eine Festnahme gereicht hätten, hieß es. Amri soll sich erkundigt haben, wie er sich Waffen beschaffen könne.

Nach "Spiegel"-Informationen hatten italienische Behörden den Tunesier 2016 zur schengenweiten Einreiseverweigerung ausgeschrieben, er hätte dann nicht mehr in den Schengenraum einreisen dürfen. Als Amri im April 2016 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) einen Asylantrag stellte, gab er sich als Ägypter aus und behauptete, in Ägypten verfolgt zu werden. Auf Nachfragen der Behörde habe er jedoch so gut wie nichts über das Land sagen können. Ein Blick in das "Kerndatensystem" des BAMF offenbarte, dass er in Deutschland unter mehreren Identitäten und Geburtstagen registriert wurde. Innerhalb weniger Wochen wurde Amris Asylantrag damals als "offensichtlich unbegründet" abgelehnt.

Monatelang war Amri als sogenannter Gefährder von den Sicherheitsbehörden überwacht worden. Damit sind unter anderem radikale Islamisten gemeint, denen schwere Straftaten zugetraut werden. Beweise für konkrete Anschlagspläne konnten die Ermittler aber nicht finden. Eine Abschiebung nach Tunesien scheiterte aber, weil er keinen Pass hatte. Seit Dezember galt Amri dann als untergetaucht.

Über den dringend tatverdächtigen Tunesier, der bereits 2015 über Freiburg an der französischen Grenze nach Deutschland einreiste, wurden im Laufe des Tages immer mehr Details bekannt. Bereits 2011 soll Amri einen Brand in einem Flüchtlingslager auf der Insel Lampedusa verursacht haben, auf der er mit einigen Landsleuten eingetroffen war. Dies geht aus Akten der sizilianischen Justizbehörden hervor. Die Rauchwolke infolge des Brands war so groß, dass der Flughafen Lampedusas vorübergehend gesperrt werden musste. Einige Tage später wurden elf Personen festgenommen. Zu ihnen zählte auch der Tunesier. Dieser hatte bei seiner Ankunft auf Lampedusa im Februar 2011 angegeben, 17 Jahre alt zu sein. Dabei sei er 19 Jahre alt gewesen, berichteten die Behörden.

Als Volljähriger wurde er zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Den Behörden galt der Tunesier als "problematisch". Nach Verbüßung der Strafe im sizilianischen Enna sei er des Landes verwiesen worden, hieß es weiter. Bei der geplanten Ausweisung habe es jedoch Probleme mit den tunesischen Behörden gegeben. Amri habe Italien verlassen und sich nach Deutschland absetzen können.

In Berlin wurde unterdessen der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz, in den der Attentäter den Lkw gesteuert hatte, wieder für das Publikum geöffnet. Wie andere Weihnachtsmärkte in Berlin wurde das Areal durch schwere Betonklötze gesichert. Viele Passanten legten Blumen am Eingang des traditionellen Weihnachtsmarktes ab, um der Opfer zu gedenken.

Aus den USA meldete sich der künftige Präsident Donald Trump zu Wort. Er sieht sich durch das Berliner Attentat in seinen Plänen für ein Einreiseverbot für Muslime bestätigt. "Es zeigt sich, dass ich Recht hatte, 100 Prozent Recht", zitierte ihn die "New York Times". Der gesuchte Tunesier war nach dem Bericht des Blattes den US-Behörden bekannt. Demnach soll Amri auf den amerikanischen Flugverbotslisten geführt worden sein. Zudem habe er über den Internetdienst Telegram mindestens einmal mit dem IS Kontakt aufgenommen und online den Bau von Sprengsätzen recherchiert.

Quelle: Apa/Dpa

Aufgerufen am 19.09.2018 um 06:07 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/berlin-anschlag-fingerabdruecke-des-verdaechtigen-im-lkw-588133

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