Weltpolitik

Brasilien ist am Limit

Die Infektionszahlen steigen, das Gesundheitssystem ist an der Grenze. Und gegen Präsident Jair Bolsonaro wird ermittelt.

Präsident Jair Bolsonaro scheint hilflos. SN/APA/AFP/EVARISTO SA
Präsident Jair Bolsonaro scheint hilflos.



Die Angehörigen von Dona Amalia sind verzweifelt. "Wollt Ihr uns nicht drannehmen?", flehen sie. "Die Frau stirbt im Auto!" Doch die Sanitäter hinter der verschlossenen Eingangstür des Krankenhauses reagieren nicht. Schließlich kommt doch ein Mann heraus. "Wir können nichts machen", sagt er. Dann bricht das dramatische Video aus der brasilianischen Amazonas-Metropole Manaus ab. Auf Anfrage versichert das örtliche Gesundheitssekretariat, dass die Frau letztendlich doch versorgt worden sei. Allerdings habe sie da schon im Sterben gelegen.

Das Krankenhaus ist seit Kurzem ausschließlich für

Covid-19-Patienten reserviert - andere Notfälle werden nicht mehr

behandelt. Angesichts der steigenden Zahl von Corona-Infektionen ist

das Gesundheitswesen in Manaus am Limit. Dabei herrschten dort auch

schon vor dem Ausbruch der Pandemie chaotische Zustände. Funktionäre

wurden wegen Korruption verhaftet, Gehälter nicht gezahlt. Nun

erzählen Bewohner von Manaus am Telefon, dass sie aufgefordert

werden, nur noch bei Atemproblemen ein Hospital aufzusuchen. "Das

System ist kollabiert", sagt einer von ihnen. Nachdem ein Video

kursierte, das Patienten neben in Plastikfolien gewickelte Toten

zeigte, wurde ein Kühlcontainer zur Lagerung von Leichen vor einem

Hospital aufgestellt. Massengräber wurden ausgehoben, die Särge

werden inzwischen übereinander gestapelt.

Fast 70.000 Mensche haben sich laut offiziellen Angaben in Brasilien mit dem Virus

infiziert, mehr als 4.600 sind gestorben. Laut der Beobachtungsstelle brasilianischer Universitäten verdoppelte sich die Zahl der Corona-Toten zuletzt innerhalb von acht Tagen."Das ist der Beginn der schwierigsten Phase", sagt der

Politikwissenschaftler Mauricio Santoro von der Universität des

Bundesstaates Rio de Janeiro. "Nach

einem Drehbuch, das wir schon anderswo gesehen haben - in Brasilien

erschwert wegen unserer schwierigen sozialen Lage."

Aber auch die politische Lage ist alles andere als hilfreich. Der rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro leugnet nach wie vor die Gefährlichkeit von Corona und kritisiert wie sein großes Vorbild Donald Trump die Schutzmaßnahmen, die von den Gouverneuren der brasilianischen Bundesstaaten verhängt worden sind. Den populären Gesundheitsminister entließ er vergangen Woche.

Und nun gerät Bolsonaro auch noch zunehmend ins Visier der Justiz. Das Oberste Bundesgericht des Landes genehmigte am Montag ein Verfahren gegen den 65-jährigen Staatschef. Es geht dabei um den Verdacht politischer Einflussnahme auf die Bundespolizei. Erhoben wurden diese Anschuldigungen gegen Bolsonaro vom erst am vergangenen Freitag zurückgetretenen Justizminister Sergio Moro. Moro war eine Schlüsselfigur in Bolsonaros Kabinett. Der 47-Jährige genießt - ebenso wie Ex-Gesundheitsminister Mandetta - große Popularität. Als Bundesrichter hatte Moro 2017 den ehemaligen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva wegen einer Korruptionsaffäre zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt.


In Rio de Janeiro gibt es inzwischen in öffentlichen Kliniken keine freien Betten für Corona-Patienten mehr. Es werden provisorische Hospitäler in Zelten errichtet - unter anderem im Maracana-Stadion. Geräte und Material hat eine der größten privaten Krankenhausgruppen Brasiliens zur Verfügung gestellt.

In der Millionen-Metropole São Paulo hingegen gibt es große Probleme bei der Versorgung mit Material. Zuletzt demonstrierten Krankenschwestern und Pfleger wegen fehlender Schutzausrüstung.

Oftmals ist der Umgang mit der Krise in Brasilien aber noch betont lässig: In Rio nehmen Leute zu einem Plausch auf der Straße die Schutzmaske ab, manche stehen in Kneipen zusammen, als ob nichts passiert wäre. "Sie wollen den Ernst der Lage noch nicht wahrhaben", sagt ein Taxifahrer.
Das steht in krassem Gegensatz zum Nachbarland Argentinien, wo seit dem 20. März eine recht restriktive Ausgangssperre gilt. Die meisten Menschen dürfen ihre Häuser und Wohnungen nicht mehr verlassen. Erlaubt sind nur Besorgungen in nahen Lebensmittelgeschäften und Apotheken. Die Polizei setzt die Ausgangsbeschränkungen hart durch: Tausende wurden wegen Verstößen festgenommen. Bislang ist es der Regierung von Präsident Alberto Fernández aber gelungen, die Infektions- und Opferzahlen recht niedrig zu halten. Bislang haben sich lediglich 4003 Menschen nachweislich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert, 197 Patienten starben. Die gewonnene Zeit nutzte die Regierung, um die Kapazitäten im Gesundheitswesen zu erhöhen.
In Brasilien dagegen tragen der Präsident und seine Fans Grabenkämpfe mit den denen aus, die einen verantwortlicheren Umgang mit Corona fordern. Im Bundesstaat Santa Catarina im Süden des Landes folgt der Gouverneur Bolsonaros Motto "Brasilien darf nicht still stehen".
Während das Land auf einen Kollaps zusteuert, ließ er ein Einkaufszentrum wieder eröffnen. Dicht an dicht strömten die Besucher hinein.

Quelle: SN, Dpa

Aufgerufen am 25.11.2020 um 05:48 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/brasilien-ist-am-limit-86851642

Kommentare

Schlagzeilen