Weltpolitik

"Die Nachbarn kommen, das war immer so"

Auf dem Balkan feiern Muslime zusammen mit Christen Weihnachten. An diesem Brauch haben auch die Kriege zwischen Ethnien und Konfessionen in der Region nichts ändern können.

Christen und Muslime feiern am Balkan gemeinsam Weihnachten: „Das war immer so“. SN/fotolia/by-studio
Christen und Muslime feiern am Balkan gemeinsam Weihnachten: „Das war immer so“.

Wenn der Nebel aufreißt, gerät das Dorf in Bewegung. Männer, Frauen und Kinder stapfen durch den tiefen Schnee. Altersschwache Autos kämpfen sich vom Tal hinauf nach Stublla, oben in den Schwarzen Bergen von Skopje.

Auf dem großen Hof gleich rechts am Dorfeingang herrscht schon geschäftiges Treiben. Am Eingang zum Haus ziehen alle die Schuhe aus. Der große Empfangsraum füllt sich rasch. Die Alten sitzen auf den Bänken an der Wand, die anderen stehen, schwatzen, trinken Tee und Raki.

Es ist eine Weihnachtsfeier, wie man sie sonst auf der Welt nicht findet. Von den Frauen nämlich tragen manche den Hidschab, von den Männern etliche den Plis, eine runde, weiße Filzkappe.

Nicht die Hirten vom Felde sind gekommen, um das Jesuskind zu verehren - es sind Muslime. Auf dem Balkan ist es Brauch, den Nachbarn der je anderen Konfession zu deren hohen religiösen Feiertagen einen Besuch abzustatten.

Die katholische Familie Ramaj führt unten im Tal, in Viti, ein großes Elektrogeschäft. Alljährlich am 25. Dezember kommen muslimische und serbische Nachbarn, Angestellte und Geschäftspartner, um zu gratulieren. "Es war immer so", erzählt Albert Ramaj, ein Sohn des Hauses, der sich auch wissenschaftlich mit den religiösen Bräuchen seiner kosovarischen Heimat beschäftigt. "Auch im Krieg, 1998 und 1999." Nur habe es damals eben generell wenig Bewegung gegeben. Viele seien lieber im Haus geblieben - aus Angst, nicht aus Hass oder Intoleranz.

Inzwischen steht der alte Brauch wieder in voller Blüte. "Nicht wenige Muslime kommen sogar zur Christmette", berichtet Monsignore Dom Lush Gjergji, Generalvikar der katholischen Diözese und lange Jahre Pfarrer in Binec, einem Nachbarort von Stublla.

Zu Weihnachten und Ostern, zum islamischen Opferfest und zum Tag des Fastenbrechens am Ende des Ramadans feiert der multikulturelle Balkan sich selbst. "Man kennt die Feiertage der anderen sehr genau", erzählt Erdin Kadunić aus der ethnisch gemischten Kleinstadt Bugojno in Bosnien. Der Muslim weiß von Allerheiligen, von Mariä Himmelfahrt und Mariä Geburt, der "großen" und der "kleinen Herrin", wie die katholischen Kroaten hier sagen. Umgekehrt ist den Nachbarn geläufig, wann die Muslime von Bugojno das islamische Neujahrsfest und den Geburtstag des Propheten begehen.

Da, wo die Nationen Krieg gegeneinander geführt haben, hat der Brauch des gegenseitigen Gratulierens zwar gelitten, ist aber nicht ganz verschwunden.

Das Verhältnis zu den orthodoxen Serben, erzählt Pfarrer Gjergji, sei zwar abgekühlt, verbessere sich aber schon wieder. "Heute tauschen wir zu den Feiertagen eigentlich nur noch E-Mails aus", bestätigt Pater Sava Janjić, Abt des orthodoxen Klosters Dečani im Nordwestkosovo.

Geredet wird viel bei den festtäglichen Zusammenkünften, besprochen wenig: Small Talk, Nachbarschaftstratsch, manchmal die Weltpolitik oder die Konjunktur. Wichtig ist das Zusammensein. In Stublla, im Süden des Kosovos, bewirtet die Familie Ramaj ihre vielen Gäste mit der Fastenspeise, einem schlichten Brei aus Milch und Weizenkörnern, den sich, wer will, mit etwas Zucker genießbar machen kann. Das ist nicht Geiz. "Religion hat immer viel mit Essen zu tun", erklärt die norwegische Ethnologin Cecilie Endresen, die über lange Zeit Feldforschung im albanischen Peshkopia betrieben hat, und erinnert an das islamische Schweinefleischverbot, die jüdischen Koscher-Regeln und den Hinduismus, der mit seinen komplizierten Vorschriften gemeinsame Mahlzeiten fast unmöglich macht.

Urbaner und weniger steif geht es in Bosnien zu, wo man die andersgläubige Nachbarsfamilie am Feiertag selbst meist in Ruhe lässt und dann anderntags auf Kaffee und Kuchen vorbeikommt - immer noch ein krasser Kontrast zum traditionellen Umgang von Protestanten und Katholiken in Deutschland oder Holland, wo noch vor einer Generation die einen an den Feiertagen der anderen demonstrativ die Wäsche im Freien aufhängten.

Besonders im religiös durchmischten Albanien hat der Brauch einen politisch-zeremoniellen Aspekt: Die Würdenträger der Konfessionen kommen zu einem gemeinsamen Foto zusammen und versichern einander ihrer Hochachtung - Hodschas, katholische und orthodoxe Bischöfe, der Dedebaba, das geistliche Oberhaupt der Bektaschi, eines Derwisch-Ordens.

Aber auch in Mazedonien und Serbien begibt sich der Bürgermeister mit Amtskette zu hohen Feiertagen ins Viertel der jeweiligen religiösen oder ethnischen Gruppe und schüttelt Hände - bei den Roma zum Beispiel meistens am Georgstag, dem 6. Mai, oder am säkularen Welt-Roma-Tag, dem 8. April. Zum orthodoxen Weihnachtsfest am 7. Jänner gibt der neue serbische Bischof von Prizren im Kosovo, Teodosije, für seine muslimischen und katholischen Kollegen einen Empfang. In Bosnien und Kroatien rühren sich staatliche und religiöse Würdenträger mit ihren Glückwünschen per Presseerklärung. Für den "Patriarchen" der Muslime in Bosnien, den Reis-ul-ulema, ist das zugleich eine Positionierung und ein Bekenntnis zum friedlichen Miteinander der Religionen. Salafisten und radikale Wahhabiten polemisieren auf ihren Websites heftig gegen die Ehrung der "teuflischen" Feiertage Weihnachten und Ostern und greifen die "versöhnlerischen" Würdenträger offen an.

Der Koran kennt Jesus zwar als wichtigen Propheten, nicht aber als Gottessohn. "Isa Ibn-Maryam" wurde nicht gekreuzigt, ist also auch nicht auferstanden, sondern direkt in den Himmel aufgefahren. Zwar erkennt die islamische Lehre sogar die weihnachtliche Jungfrauengeburt Jesu an. Aber nicht das Datum: Weil der 25. Dezember aus dem antiken Mithras-Kult übernommen wurde, werfen strenge Muslime den Christen einen Hang zum Heidentum vor.

Wenn gerade die Würdenträger die religiöse Toleranz so zelebrieren, so tun sie es auch, um ihrer jeweiligen Religionsgemeinschaft Autorität zu verschaffen. Indem man dem anderen gratuliert, macht man zugleich klar, dass der eben anders ist und man selbst seine eigene Bedeutung hat. "Erst durch die gegenseitigen Besuche zu den Feiertagen haben wir als kleine Kinder überhaupt gelernt, dass wir uns von den Nachbarn unterscheiden", erzählt Antun, der im zentralbosnischen Vitez aufgewachsen ist, einer Kleinstadt, in der vorwiegend katholische Kroaten und muslimische Bosniaken leben.

Tatsächlich sind die religiösen Überzeugungen und heiligen Stätten an der Schnittstelle zwischen Abend- und Morgenland nicht so scharf geschieden, wie die Theologen aller Konfessionen es gern sähen - und wie man meinen könnte, wenn man westliche Politologen über den "Zusammenprall der Kulturen" reden hört. Katholische Albaner und orthodoxe Serben etwa feiern Weihnachten nahezu identisch: Höhepunkt ist das Abbrennen des "Badnjak", eines Eichenzweigs. In Mazedonien, Albanien und im Kosovo teilen sich Christen und Muslime noch immer nicht wenige Wallfahrtsorte, an denen Pilger aller Konfessionen friedlich zusammenkommen: Die wundertätige Lindenholzmadonna von Letnica im Kosovo etwa, die Nikolauskirche im albanischen Laç, der Berg Tomorr in Mittelalbanien, wo der Legende nach Abbas Ali, ein Heiliger der Schiiten, am Tag nach der Schlacht von Kerbela Zuflucht fand. In der Gegend Stublla geben manche Familien ihren Kindern bis heute einen christlichen und einen muslimischen Namen. Laramanen werden sie genannt: die "Doppelgesichtigen".

Im mazedonischen Brod dient ein schlichtes Gebäude als Kirche und als Moschee: Ikonen und Bilder von Bektaschi-Heiligen hängen friedlich nebeneinander, auf dem Boden liegen Gebetsteppiche. Wenn die Christen von Brod hier den Georgstag feiern, werden die Teppiche zusammengerollt und die Bilder abgehängt. Bunte Eier aber gibt es für alle.

Im Kloster Sveti Naum am Ohrid-See verehren Christen und Muslime denselben Heiligen. "Das Entscheidende ist die Heilkraft", erklärt der Wiener Balkan-Historiker Robert Pichler. "Die Gläubigen erwarten von dem Heiligen, dass er zum Beispiel Krankheiten heilt oder das Schicksal positiv lenkt." Salopp gesagt: Dem Heiligen ist es egal, ob ihm ein Christ, ein Muslim oder sonst jemand huldigt.

Nicht die Unterschiede sind das Problem, schließt Lovrenović. Es sind die Gegensätze. "Der konfessionelle Gegensatz hat sich über Jahrhunderte auf das Feld der Identität verlagert." Identität aber, so der Kulturhistoriker, "verbirgt sich im kleinsten sozialen Unterschied, und im realen Leben stellt sie eine enorme Gewalt dar".

Aufgerufen am 20.10.2019 um 10:48 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/christen-und-muslime-feiern-am-balkan-gemeinsam-weihnachten-das-war-immer-so-22016986

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