Weltpolitik

Como wie Calais: Hunderte Flüchtlinge campieren vor Bahnhof

Como wie Calais: In der Stadt der Promi-Villen am See und Wahlheimat von Hollywood-Star George Clooney sorgt ein Flüchtlingslager unter freiem Himmel seit Wochen für Spannungen. In einem Park vor dem Bahnhof des malerischen Ortes am Comer See, auf dem Touristen aus aller Welt eintreffen, kampieren Hunderte afrikanische Flüchtlinge, die in die Schweiz einreisen wollen.

Como wie Calais: Hunderte Flüchtlinge campieren vor Bahnhof SN/APA (Keystone)/FRANCESCA AGOSTA
Schweizer lassen niemanden rein.

Doch die Grenzer schicken sie zurück, wie es die Dublin-Regeln vorsehen. "Stop Deportation" ist auf einem Spruchband zu lesen, das junge Afrikaner vor dem Bahnhof ausgerollt haben. Viele Flüchtlinge wurden schon mehrfach von den Schweizer Behörden zurückgeschickt und stranden immer wieder in Como. Hunderte junge Menschen übernachten in Schlafsäcken im Park, oder unter den Arkaden des Bahnhofs. Ehrenamtliche Helfer verteilen Frühstück. Auf der Grünfläche vor der "Stazione San Giovanni" wurden Dutzende kleine Zelte aufgeschlagen, denn der Herbst steht vor der Tür und schon drohen kommende Gewitter für schwierige Umstände im improvisierten Lager. Die Polizei überwacht das Gelände, auf dem Flüchtlinge aus Eritrea, Ghana und Nigeria - oft ganze Familien mit Kleinkindern - die Tage verbringen.

Anrainer reagieren zunehmend genervt. Sie bangen um die Sicherheit und das Ansehen der vom Tourismus lebenden Stadt, die hygienische Lage ist prekär. Einige Migranten wurden wegen Verdachts auf Krätze ins Spital eingeliefert. Müll türmt sich im Park, die Flüchtlinge waschen sich mit dem Wasser aus einem kleinen Brunnen. Erst vor kurzem wurden ihnen in einer katholischen Einrichtung unweit des Bahnhofes Duschen zur Verfügung gestellt. Im Betsaal einer Kirche wurde eine Mensa für Flüchtlinge eingerichtet. Jeden Abend werden durchschnittlich 400 Menüs serviert. "Die Caritas sondiert die Bereitschaft der lokalen Pfarren, Flüchtlingsfamilien unterzubringen, doch diese wollen Deutschland und Nordeuropa erreichen und nicht hier bleiben", berichtet der Priester Carlo Calori, der die Flüchtlingsversorgung leitet.

Diakon Roberto Bernasconi, Direktor der Caritas Como, koordiniert die Hilfsaktion für die Flüchtlinge und kennt die Situation genau. Mehr als 20.000 Migranten halten sich laut Bernasconi zurzeit in der Lombardei auf, 1.800 allein in der Provinz Como. Seiner Einschätzung nach sind rund 80 Prozent der Migranten Wirtschaftsflüchtlinge. Aus Bernasconis Sicht hat Comos Bevölkerung meist solidarisch auf den Flüchtlingsnotstand reagiert: Bis zu 600 Privatpersonen engagieren sich mit Kleiderspenden sowie Essens- und Medikamentenlieferungen für die Migranten.

Die Behörden sind vor dem Flüchtlingslager unter freiem Himmel orientierungslos. Nun wurde ein Platz neben dem städtischen Friedhof ausgemacht, auf dem bis Mitte September Wohncontainer für Migranten aufgestellt werden sollen. Die ersten Container sollen bereits diese Woche eintreffen, wodurch sich die Situation am Bahnhof entschärfen würde. In einer ersten Phase könnten dort ab September 300 Flüchtlinge unterkommen.

Der Plan stößt jedoch bei der in der Stadt stark etablierten ausländerfeindlichen Partei Lega Nord auf Protest. "Como ist zum neuen Calais geworden. Es ist unzumutbar, dass Hunderte Migranten in äußerst prekären hygienischen Zuständen vor verunsicherten Bahnreisenden campieren", kritisierte der Lega-Spitzenpolitiker Roberto Calderoli. Er ist auch gegen die Wohncontainer. In Como solle kein "Ghettoquartier für illegale Einwanderer" entstehen, meint er.

Innenminister Angelino Alfano bemüht sich um eine Verteilung der Migranten auf mehrere Gemeinden. "Den Migranten muss klar sein, dass wir entscheiden, wo sie aufgenommen werden können. Je mehr sie versuchen, illegal nach Norden zu reisen, desto mehr bringen wir sie nach Süden. Das haben wir in Ventimiglia und am Brenner bewiesen, wo wir dank unseres Beitrags die Gefahr einer Brenner-Mauer abgewendet haben, und das werden wir auch in Como tun", betonte Alfano.

Wie lange die Flüchtlingskrise in Como noch dauern wird, ist ungewiss. Der Bürgermeister der Stadt, Mario Lucini, scheint nicht sehr optimistisch. Seiner Ansicht nach könnten die Wohncontainer bis zu zwei Jahre im Betrieb bleiben. Denn die Umverteilung der Flüchtlinge in Europa komme nur schleppend voran. Lucini ist ständig mit Parlamentariern in Kontakt, um über Notmaßnahmen zu diskutieren. Doch eine wahre Lösung für das Flüchtlingscamp am Bahnhof von Como ist immer noch nicht in Sicht.

Quelle: APA

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