Weltpolitik

Corona-Virus in den USA: Nun hat die Epidemie das politische Washington erreicht

Lange spielte US-Präsident Donald Trump die Gefahr des Corona-Virus herunter. Nun hatte er selbst Kontakt mit einer Person, die womöglich infiziert ist. Der konservative Senator Ted Cruz, der derselben Person die Hand gab, verordnete sich daraufhin selbst 14 Tage in Quarantäne.

Trump hält ein Bild des Corona-Virus in der Hand. Nun hatte der US-Präsident selbst Kontakt mit einer Person, die womöglich infiziert ist.  SN/AP
Trump hält ein Bild des Corona-Virus in der Hand. Nun hatte der US-Präsident selbst Kontakt mit einer Person, die womöglich infiziert ist.

Als die Physiotherapeutin einer Klinik in Seattle alle Anzeichen einer Erkrankung mit dem Corona-Virus verspürte, versuchte sie sich testen zu lassen. Nicht nur weil sie an einer chronischen Bronchitis leidet, sondern auch wegen der Patienten, mit denen sie täglich arbeitet. Viele von ihnen sind über 65 Jahre alt und gehören damit einer Risikogruppe an. Zumal der Großraum Seattle mit 30 bestätigten Corona-Fällen ein "Epizentrum der Pandemie in den USA ist.

In den sozialen Medien berichtete die Frau, wie schwierig es sich gestaltete, getestet zu werden. Sie habe zwei Hausärzte angerufen. "Einer sagte mir, er und seine Kollegen wüssten nicht, wo Tests verfügbar seien." Der andere habe ihr geraten in die Notaufnahme eines Krankenhauses zu gehen. Auch dort sei sie weitergereicht worden.

Das Problem liegt auf der Hand: Es gab in den USA bisher nicht genügend Labore und Test-Kits, Corona-Verdachtsfälle zu untersuchen. Grund dafür seien laut US-Präsident Donald Trump die fehlenden Laborkapazitäten.

Anfang vergangener Woche waren erst 500 Personen getestet worden

Dass die Infektionsfälle in den Statistiken in den USA lange gering ausfielen, sagt laut Experten wenig über die tatsächliche Verbreitung des Virus aus. Vielmehr herrschte lange eine große Unkenntnis über die Corona-Ausbreitung.
Die Gesundheitsbehörden haben erst angefangen, Test-Kits für den "COVID-19"-Virus in Umlauf zu bringen. Anfang vergangener Woche waren erst 500 Personen getestet worden. Mit der Verfügbarkeit der Tests steigt nun auch die Zahl der diagnostizierten Infektionen deutlich an.

Vor der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC protestierte diese Frau mit dem Plakat: „Wir brauchen ein Mittel gegen Trump.“ SN/AP
Vor der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC protestierte diese Frau mit dem Plakat: „Wir brauchen ein Mittel gegen Trump.“


Die Verantwortung für die späte Reaktion trägt die US-Regierung. Sie hat es versäumt, die Zeit seit der ersten Erkrankungen in China zu nutzen, ihre Behörden auf den Ernstfall vorzubereiten. Stattdessen tut US-Präsident Trump sein Bestes, die Gefahren herunterzuspielen. In einem Telefoninterview mit seinem Lieblingsmoderator Sean Hannity auf FOX ging Trump vergangene Woche sogar soweit, die Schätzungen der Sterblichkeitsrate durch die Weltgesundheitsorganisation WHO anzuzweifeln.

Trump: "Eine Menge Leute haben das sehr mild"

"Ich denke 3,4 Prozent ist wirklich eine falsche Zahl", verkündete der Präsident. Auf einer Kundgebung in South Carolina hatte Trump die Sorge vor der Verbreitung des Virus gar als einen "Betrug seiner Gegner und der Medien. "Eine Menge Leute haben das sehr mild. Ihnen geht es sehr schnell besser. Sie gehen nicht einmal zum Doktor oder rufen ihren Doktor an", erklärte Trump in Hannity's Show.

Trump äußerte sich am selben Tag, an dem das Repräsentantenhaus 8,3 Milliarden Dollar an Notfall-Mitteln zur Eindämmung der Pandemie genehmigte. Statt die Öffentlichkeit aufzuklären, tut der Präsident so, als sei der Virus ein Problem in anderen Teilen der Welt. Bei einem Treffen mit den Managern besorgter Fluggesellschaften, erklärte Trump, "eine Menge Leute machen jetzt Geschäfte daheim. Sie bleiben in diesem Land. Sie fühlen sich sicher."

Bei seinem Besuch bei der Gesundheitsbehörde trat Trump in Wahlkampf-Montur auf.  SN/APA/AFP/JIM WATSON
Bei seinem Besuch bei der Gesundheitsbehörde trat Trump in Wahlkampf-Montur auf.


Zu dieser Illusion trägt die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC bei. Wer auf ihre Webseite geht, stellt schnell eine Diskrepanz fest. Am Donnerstagmorgen berichtet die Regierungsbehörde 80 bestätigte Fälle an Infektionen mit dem COVID-19-Virus und neun Todesfällen in 13 Staaten. Laut "New York Times" ist die Zahl der Infizierten mit 160 mindestens doppelt so hoch.

Erst durch die Panik der Märkte wächst ein Bewusstsein

Norman Ornstein von der konservativen Denkfabrik "American Enterprise Institut" sieht die CDC als "Gefangenen" eines Präsidenten, "der sich für die Gesundheitskrise nur mit Blick auf den Aktienmarkt und seine eigenen Umfragewerte interessiert". Er verspiele die Glaubwürdigkeit der Regierung, wenn Sie am dringendsten gebraucht werde. "Das ist verantwortungslos jenseits aller Maßen."
Trump sieht das anders. Vergangene Woche verkündete er auf der ersten Pressekonferenz zum Thema, irgendwann werde der Virus so magisch verschwinden, wie er gekommen sei. Zudem werde es nicht lange dauern, bis ein Impfstoff zur Verfügung stünde. An dieser Stelle intervenierte der Chef des "National Institutes of Health", Anthony Fauci, der selbst ein Spezialist für Infektionserkrankungen ist. "Der ganze Prozess dauert mindestens ein bis eineinhalb Jahre."
Erst durch die Panik an den Märkten wächst in den USA das Bewusstsein, am Beginn einer Krise zu stehen, auf die die US-Regierung nicht vorbereitet ist. Direktor des "National Institut of Health" drängt ältere und kranke Menschen dazu, unmittelbar Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen: "Warten Sie nicht bis die Dinge schlimmer werden".

Ted Cruz begibt sich für 14 Tage freiwillig in Quarantäne

Besondere Beachtung finden die ersten Fälle in der Hauptstadt Washington. Dort fanden sich unter den Teilnehmern des Jahrestreffens der Israel-Lobby AIPAC und der Konferenz der "American Conservative Union" (ACU) mehrere Infizierte, die den Erreger verbreitet haben könnten.

Ein Foto zeigt wie US-Präsident Donald Trump dem Vorsitzenden der ACU, Matt Schlapp, die Hand schüttelt. Dieser hatte direkten Kontakt zu einem der Erkrankten. Mit 73 Jahren gehört Trump zur Gruppe der stärker gefährdeten Personen. Der konservative Senator Ted Cruz aus Texas und der republikanische Abgeordnete Paul A. Gosar aus Arizona meldeten sich für 14 Tage in freiwillige Selbstquarantäne ab, nachdem sie erfuhren, ebenfalls mit Infizierten in Kontakt gewesen zu sein.

Im US-Kongress wird der Ruf laut, angesichts der hohen Zahl an Abgeordneten im fortgeschrittenen Alter eine mehrwöchige Sitzungspause zu beschließen.
Einfluss hat die "COVID-19"-Ausbreitung auch auf den Vorwahlkampf der Demokraten, bei dem ein 77-jähriger und ein 78-jähriger Kandidat in engem Publikum-Kontakt stehen. "Wir werden nichts machen, was die Gesundheit von irgendjemanden in diesem Land gefährdet", sagte Sanders zu möglichen Konsequenzen für den Wahlkampf.

Aufgerufen am 28.11.2021 um 01:34 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/corona-virus-in-den-usa-nun-hat-die-epidemie-das-politische-washington-erreicht-84605551

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