Weltpolitik

Coronavirus mischt die Karten im US-Wahlkampf neu

Trump erntet mit seiner Reaktion auf die Coronakrise viel Kritik. Das könnte Sanders und Biden einen Vorteil verschaffen.

US-Präsident Donald Trump spielt die Auswirkungen des Coronavirus runter. SN/AP
US-Präsident Donald Trump spielt die Auswirkungen des Coronavirus runter.

Die US-Regierung steht derzeit wegen der abwiegelnden Reaktion von Präsident Donald Trump und mangelnder Vorbereitung in der Kritik. Somit könnte der Verlauf der Epidemie entscheidend für den Ausgang der Präsidentenwahl im November sein.

Bei den jüngsten Presseterminen hatte sich Trump gegenüber dem Coronavirus unbeeindruckt gezeigt und dafür mediale Kritik geerntet. "Die Fake-News-Medien sowie ihre Partner, die Demokraten, tun alles in ihrer Macht Stehende, um die Situation um das Coronavirus anzuheizen, weit über die Fakten hinaus", erklärte Trump auf Twitter.

Die Wähler würden sich an eine kompetente Reaktion auf Naturkatastrophen erinnern und sie belohnen, meint unterdessen Politikwissenschafter Patrick Schoettmer von der Seattle University. "Eine inkompetente Reaktion könnte jedoch viele jener, die bisher zu ihm gehalten haben, loslösen." Schoettmer erwähnt als Beispiel Hurrikan "Katrina" während der Bush-Administration. US-Präsident George W. Bush wurde damals vorgeworfen, gegenüber den Betroffenen in New Orleans zu distanziert gewesen zu sein und zu spät reagiert zu haben. Politische Folgen hatte dies für ihn nicht, fand der Hurrikan doch wenige Monate nach Beginn seiner zweiten Amtszeit im Jahr 2005 statt.

Die Debatte um das marode US-Gesundheitssystem erreicht mit der Coronaepidemie eine neue Ebene. "Die Konsequenzen von Amerikas Arbeitskultur und des überteuerten Gesundheitssystems kommen jetzt alle an einem Punkt zusammen", schrieb Kolumnist Michael Hiltzik in der "Los Angeles Times".

In Hinblick auf die beiden Trump-Herausforderer meint Politologe Schoettmer: "Covid-19 könnte sowohl Sanders als auch Biden helfen." Sanders plädiert seit Langem für eine allgemeine staatliche Krankenversicherung. Die aktuelle Krise würde die "nationale Dringlichkeit" seiner Bemühungen unterstreichen.

Sanders ließ zuletzt in der Frage eines Impfstoffs aufhorchen. "Sobald ein Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt wurde, sollte er unentgeltlich sein", erklärte er auf Twitter. Er setzt sich für eine radikale Gesundheitsreform ein und will eine staatliche Gesundheitsversicherung nach europäischem Vorbild anstelle des privatwirtschaftlichen Systems. Jedoch muss sich Sanders beständig mit der Frage auseinandersetzen, wie er eine solche Reform des Gesundheitssystems finanzieren möchte.

Für Ex-Vizepräsident Joe Biden spricht insbesondere die "Bekanntheit", die die ehemalige Nummer zwei in der Obama-Regierung in der US-Bevölkerung hat. In unsicheren Zeiten könnte das bei Wählern für ein "Gefühl der Sicherheit" sorgen, sagt Schoettmer. Biden feuerte in puncto Coronavirus bereits eine erste Breitseite gegen Donald Trump ab. "Es gibt kein Vertrauen in das, was der Präsident sagt oder tut", sagte Biden am Montag im Fernsehsender MSNBC. Trump würde alles tun, um politischen Nutzen zu haben.

Unterdessen haben in den USA mehrere Staaten wegen des Coronavirus den Ausnahmezustand ausgerufen. Komplette "Lockdowns" wie in Italien blieben aber bis jetzt noch aus. Trump steht vor der schwierigen Entscheidung, große Schließungen von Unternehmen, Städten oder ganzen US-Staaten in Kauf zu nehmen. Das könnte das Wirtschaftswachstum treffen - Trump will das vermeiden. Eine schlechte wirtschaftliche Bilanz ist das Letzte, was er vor der Wahl im November gebrauchen kann.

Aufgerufen am 02.12.2021 um 05:44 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/coronavirus-mischt-die-karten-im-us-wahlkampf-neu-84702736

Kommentare

Schlagzeilen