Weltpolitik

"Cumhuriyet"-Redaktion will nicht aufgeben

Nach der Festnahme ihres Chefredakteurs und zahlreicher weiterer Mitarbeiter gibt sich die Redaktion der regierungskritischen türkischen Zeitung "Cumhuriyet" kämpferisch. Das Blatt erschien am Tag nach den Festnahmen mit der Schlagzeile: "Wir geben nicht auf". Daneben stand: "Noch ein Schlag gegen die freie Presse".

"Cumhuriyet"-Redaktion will nicht aufgeben SN/APA (AFP)/OZAN KOSE
Zeitung auch nach Festnahme von Chefredakteur kämpferisch.

Das türkische Wort für "Schlag" (darbe) kann auch als "Putsch" übersetzt werden. Die Behörden hatten am Montag nach Angaben der Zeitung 13 Mitarbeiter des Blattes festgenommen, darunter Chefredakteur Murat Sabuncu. Die Staatsanwaltschaft wirft der Zeitung vor, die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans und die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen unterstützt zu haben.

Statt der Kolumnen der festgenommenen Journalisten Hikmet Cetinkaya und Kadri Gürsel erschienen am Dienstag aus Protest nur weiße Flächen. Die Hälfte der Zeitung war den Festnahmen vom Vortag gewidmet.

Die Zeitung berichtete auch von Protesten in zahlreichen Städten der Türkei gegen die Festnahmen und Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft. Diese wirft der Zeitung vor, die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen zu unterstützen, die für den gescheiterten Militärputsch verantwortlich gemacht wird.

"Cumhuriyet" weist den Vorwurf der Komplizenschaft mit Gülen zurück. Man habe im Gegenteil gewarnt, Gülen sei eine Gefahr für die Republik, schrieb das Blatt. Der türkische Journalistenverband teilte mit, seit dem Putsch seien 170 Zeitungen, Zeitschriften, TV-Sender und Nachrichtenagenturen geschlossen worden. 2.500 Journalisten seien arbeitslos.

Dutzende Menschen hatten in der Nacht in einer Mahnwache gegenüber dem Redaktionsgebäude in Istanbul ausgeharrt. "Selbst wenn Cumhuriyets Geschäftsführer und Autoren verhaftet sind, wird unsere Zeitung seinen Kampf für Freiheit und Demokratie bis zum Ende fortsetzen", heißt es im Leitartikel vom Dienstag.

Die Europäische Union und die USA haben das Vorgehen gegen das Blatt kritisiert. Bisher hat die türkische Regierung eine Stellungnahme angelehnt und beschränkt sich auf die Feststellung, das Vorgehen der Behörden sei rechtmäßig. Die westlichen Staaten befürchten, das NATO-Mitglied Türkei könne sich unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Putschisten von einer Demokratie in einen autoritären Staat verwandeln.

Auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz verurteilte das Vorgehen gegen "Cumhuriyet" scharf. Mit der Festnahme von Murat Sabuncu sei eine "weitere rote Linie in Sachen Pressefreiheit überschritten worden", schrieb Schulz auf dem Kurznachrichtendienst Twitter.

Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim sieht die Kritik als ungerechtfertigt an. "Ihr habt uns nichts über Pressefreiheit beizubringen", zitierte am Dienstag die Nachrichtenagentur Dogan den Ministerpräsidenten. Die Türkei entscheide, wo die "rote Linie" verlaufe.

"Cumhuriyet" war erst im September mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden. Die Right Livelihood Award Stiftung hatte mitgeteilt, die Zeitung erhalte den Preis "für ihren unerschrockenen investigativen Journalismus und ihr bedingungsloses Bekenntnis zur Meinungsfreiheit trotz Unterdrückung, Zensur, Gefängnis und Morddrohungen". Die Stiftung kritisierte die Festnahmen am Montag als Beleg dafür, "dass das Regime nicht zögert, kritische, abweichende Stimmen zu unterdrücken".

Unterdessen sind die türkischen Behörden erneut gegen kurdische Politiker im Südosten des Landes vorgegangen. Die Polizei habe bei Razzien in der Provinz Mardin 25 Politiker der kurdischen Partei DBP festgenommen, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Dienstag. Die DBP ist der kommunale Ableger der im Parlament vertretenen HDP.

Vor einer Woche waren die DBP-Bürgermeister der Kurdenmetropole Diyarbakir, Gültan Kisanak und Firat Anli, unter Terrorvorwürfen festgenommen worden. Gegen die beiden wurde inzwischen Haftbefehl erlassen.

Quelle: Apa/Dpa

Aufgerufen am 26.09.2018 um 02:50 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/cumhuriyet-redaktion-will-nicht-aufgeben-927244

Schlagzeilen