Weltpolitik

Der Karate-Dom - zurückgetretener Brexit-Minister Raab im Porträt

Seit Juli erst stand Dominic Raab an der Spitze des Ministeriums für den EU-Austritt Großbritanniens. Nun ist er zurückgetreten. Der Brexit-Minister zählt zum Lager der EU-Skeptiker, gilt gleichzeitig als liberaler Konservativer. In seiner Amtszeit bereitete er die Insel vor allem mit Notfallplänen auf den Fall einer Scheidung ohne Abkommen vor. Der 44-Jährige gilt als Hoffnungsträger bei den Tories.

Dominic Raab bleibt auch nach seinem Rücktritt eine Zukunftshoffnung der Tories. SN/APA/AFP/BEN STANSALL
Dominic Raab bleibt auch nach seinem Rücktritt eine Zukunftshoffnung der Tories.

Dominic Raab darf ohne Zweifel als Gewohnheitsmensch bezeichnet werden. Er vermeidet es, Risiken einzugehen, zumindest wenn es sich um seine gastronomischen Vorlieben handelt. Sogar eine Essens-Kombination einer Sandwich-Kette ist inoffiziell nach ihm benannt. Wer in der Filiale in Westminster das Dominic-Raab-Gericht ordert, bekommt ein Baguette, belegt mit Hühnchen, Ceaser-Salat und Speck, dazu gibt es, so viel Vitamine müssen sein, einen Obstsalat und einen Wassermelonen-Smoothie. Vor einigen Monaten steckte eine Mitarbeiterin seines Büros der Presse, dass der 44-Jährige täglich dasselbe Mittagessen bestelle. Sie empfand das als "seltsam". Definitiv bemerkenswert war jedoch, dass die eintönige Ernährungsweise des damaligen Staatssekretärs für Wohnungsbau tagelang die Schlagzeilen bestimmte.

Im Juli dann wurde Dominic Raab Brexit-Minister. Premierministerin Theresa May setzte ihn auf den Posten, nachdem sein Vorgänger David Davis aus Protest gegen die Brexit-Linie der Regierungschefin zurückgetreten war. Nun hat er selbst hingeworfen - nach nur wenigen Monaten und wegen des Entwurfs des Austrittsabkommens, an dessen Text er doch selbst mitgearbeitet hat. Doch für die Brexit-Hardliner gilt er nun als Held.

Während seiner Amtszeit bereitete der erklärte EU-Skeptiker, der 2016 für den Ausstieg warb, die Bevölkerung vor allem mit Notfallplänen auf den Fall einer Scheidung ohne Abkommen vor. Denn mit dem Aufstieg von Raab kam zugleich die Abwertung seines Amts. May erklärte die Verhandlungen zur Chefsache. Raab dagegen musste den Regierungskurs vor allem verteidigen und auf der Insel für ihn werben - auch im Parlament, wo es seit Monaten gärt und brodelt. Es war keine leichte, eher eine undankbare Aufgabe in einem in der EU-Frage tief gespaltenen Königreich. Doch der liberale Konservative gilt schon länger als Hoffnungsträger bei den Tories - und stand stets im Ruf, loyal gegenüber May zu sein, was für diese angesichts der parteiinternen Machtkämpfe ein wertvolles Kriterium darstellte. Mit der Loyalität ist nun Schluss.

Raab wurde in der südenglischen Grafschaft Buckinghamshire als Sohn einer anglikanischen Mutter und eines jüdischen Vaters geboren, der 1938 als Kind aus dem heutigen Tschechien vor den Nazis nach Großbritannien geflohen war. Nach einem Jurastudium an den Elite-Universitäten Oxford und Cambridge begann er seine Karriere als Rechtsanwalt in einer Londoner Kanzlei, bevor er im Jahr 2000 in den diplomatischen Dienst eintrat. Er arbeitete einige Zeit in Den Haag, wo er die Verfolgung von Kriegsverbrechern unterstützte, sowie im britischen Außenministerium in London. 2006 folgte dann der Wechsel in die Politik. Der begeisterte Kampfsportler - er boxt gerne und trägt den schwarzen Gürtel im Karate - diente zunächst im EU-Referat. Sein damaliger Mentor hieß ausgerechnet David Davis. Vier Jahre später schaffte er den Sprung ins Unterhaus und sitzt seitdem als Abgeordneter für den Wahlkreis Esher and Walton in der südostenglischen Grafschaft Surrey im Parlament. Er sei "höchst kompetent, über alle Themen hinweg... und ein Pragmatiker", lobte eine Kabinettskollegin.

Dass sich der verheiratete Vater von zwei Söhnen für den Austritt aus der Brüsseler Gemeinschaft stark gemacht hat, begründete er mit dem Recht auf Selbstbestimmung und einem "kaputten" EU-Einwanderungssystems. Man könne ein stolzer Europäer sein, sagte er, "aber nicht Mitglied des politischen Klubs sein wollen". Dass Raab sowohl unter den EU-Skeptikern als auch bei den Europafreunden in der Partei beliebt war, galt als einer seiner größten Pluspunkte. Seine Chancen als möglicher künftiger Premierminister dürften durch seinen Rücktritt noch gestiegen sein.

Aufgerufen am 18.09.2019 um 04:20 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/der-karate-dom-zurueckgetretener-brexit-minister-raab-im-portraet-60930940

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