Weltpolitik

Der Namensstreit mit Mazedonien ist für Athen eine Chance

Griechenland könnte durch den Disput über den Kompromiss mehr politische Stabilität erlangen.

Die Kommunistische Partei Griechenlands enthüllte am Donnerstag ein Banner gegen das Abkommen. SN/AP
Die Kommunistische Partei Griechenlands enthüllte am Donnerstag ein Banner gegen das Abkommen.

Seit der Schuldenkrise hat kein Thema die Menschen in Griechenland so aufgewühlt wie die Mazedonien-Frage. Mit Massendemos protestieren Hunderttausende gegen das Abkommen, das vom Parlament in Athen ratifiziert werden soll. Es sieht vor, dass sich das Nachbarland künftig "Republik Nordmazedonien" nennt. Die für Donnerstagabend geplante Abstimmung wurde kurzfristig auf Freitag verschoben. Viele Abgeordnete wollten vor dem Votum reden.

Die Kontroverse um den Namen berührt den Kern des griechischen Selbstverständnisses. Nachvollziehbar wird das vor dem Hintergrund, dass Griechenland seine staatliche Souveränität und nationale Identität erst im Freiheitskampf gegen die Osmanen im 19. Jahrhundert fand. Seither mussten die Griechen ihre Freiheit immer wieder verteidigen: in den Balkankriegen 1912 und 1913, im Ersten Weltkrieg und unter der deutschen Besatzung 1941 bis 1944.

Zwar glaubt kaum ein Grieche an eine echte militärische Bedrohung durch den Nachbarn. Aber die Furcht vieler Menschen vor Ansprüchen auf ihr Territorium und ihr kulturelles Erbe ist verständlich. Schließlich kursieren in Skopje Landkarten, auf denen Teile Albaniens, Serbiens, Bulgariens und Griechenlands einem "Groß-Mazedonien" einverleibt werden. Doch gerade die Aufnahme Nordmazedoniens in die NATO und die EU sind der beste Weg, solchen Expansionsbestrebungen entgegenzutreten.

Die Schärfe, mit der die Debatte um die Mazedonien-Frage während der vergangenen Monate geführt wurde, zeigt die politische Sprengkraft des Themas. Aber das muss keine destruktiven Folgen für das politische Gefüge Griechenlands haben, im Gegenteil. In den Krisenjahren drohte das politische System aus den Fugen zu geraten. Das führte zu Absurditäten wie dem Zweckbündnis der radikallinken Syriza von Premierminister Alexis Tsipras mit den ultrarechten Nationalisten. Nun führt die Mazedonien-Kontroverse zu einer Konsolidierung der zersplitterten Parteienlandschaft.

Umfragen zeigen: Rund zwei Drittel der Wähler konzentrieren sich wieder auf zwei große Parteien, die konservative Nea Dimokratia und das Linksbündnis Syriza. Die Bedeutung extremistischer Parteien am rechten und linken Rand des Spektrums nimmt ab. Auch der Populismus, der in der Krise wucherte, scheint in Griechenland seine Blüte hinter sich zu haben. Abzulesen ist das an der Wende zur Realpolitik, die Tsipras als Ministerpräsident vollzogen hat, und am Scheitern seines rechtspopulistischen Partners Panos Kammenos, dessen Partei sich in Auflösung befindet.

Der Trend zu zwei großen Parteien ist eine gute Entwicklung für Griechenland. Er wirkt der Fragmentierung des politischen Spektrums entgegen, das Land bleibt regierbar. So könnte die Beilegung des Namensstreits mit Mazedonien nicht nur der konfliktreichen Balkanregion Stabilität geben. Die Einigung stärkt auch das politische System Griechenlands.

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