Weltpolitik

Deutsche IS-Anhängerin sah zu, wie ein Mädchen verdurstete

Jennifer W. steht in München vor Gericht. Der Vorwurf: Mord, Kriegsverbrechen und Mitgliedschaft in einer Terrormiliz.

Die Angeklagte Jennifer W. ist selbst Mutter einer kleinen Tochter. Das Kind lebt aber bei ihrer Oma. SN/APA/AFP/dpa/PETER KNEFFEL
Die Angeklagte Jennifer W. ist selbst Mutter einer kleinen Tochter. Das Kind lebt aber bei ihrer Oma.

Temperaturen von 45 Grad herrschten im irakischen Falludscha, als das kleine Mädchen starb. Angekettet in der prallen Sonne, ohne Wasser der sengenden Hitze ausgesetzt, verdurstete das fünf Jahre alte Kind. Es ist ein grauenhafter Vorwurf, den die Bundesanwaltschaft vor dem Oberlandesgericht München gegen eine 27-Jährige aus Niedersachsen erhebt.

Jennifer W. soll als Anhängerin des Islamischen Staates (IS) im Irak tatenlos zugesehen haben, als das Kind qualvoll starb. Mord durch Unterlassen wirft die Anklage ihr am Dienstag vor, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland - und Kriegsverbrechen.

Das kleine Mädchen gehörte der vom IS systematisch verfolgten Religionsgemeinschaft der Jesiden an. Das Kind soll gekauft und als Sklavin gehalten worden sein. Laut Anklage war die Fünfjährige krank und hatte ins Bett gemacht. Dass das Mädchen in der Sonne angekettet wurde, war die Strafe dafür.

Zum Auftakt des Prozesses sagt Jennifer W. erstmal nichts - nur einmal sagt sie leise "Nein", als der Vorsitzende Richter sie fragt, ob sie einen Beruf gelernt hat. Als das Blitzlichtgewitter der Fotografen über sie hereinbricht, versteckt die zierliche Frau ihr Gesicht hinter einer Mappe. Sie trägt eine schwarze Brille und ihr langes Haar ist zu einem Zopf geflochten.

2014 soll sie vom Flughafen Münster/Osnabrück aus in den Dschihad gezogen sein. Mit ihrem irakischen Ehemann kam sie in dessen Heimatland. Dort soll Jennifer W. als Mitglied der Religions- und Sittenpolizei Hisba durch Parks von Mossul und Falludscha patrouilliert sein. Sie schüchterte Frauen ein, die sich nicht an die vom IS verhängten Verhaltens- und Kleidervorschriften hielten. Laut Anklage soll sie eine Kalaschnikow und eine Sprengstoffweste besessen haben.

Erst nachdem eine Anklage gegen die 27-Jährige erhoben wurde, fanden Menschenrechtsorganisationen eine Frau, die laut Bundesanwaltschaft die Mutter des verdursteten Kindes ist. Mutter und Tochter sollen versklavt worden sein. Die Frau will zudem gesehen haben, wie ihr Mädchen unter Qualen verdurstete. Die Jesidin will daher als Zeugin aussagen "Sie will Gerechtigkeit", sagt ihre Berliner Anwältin Natalie von Wistinghausen.

Die Anklage hatte sich zunächst nur auf Aussagen der IS-Anhängerin gestützt. Sie soll einem verdeckten Ermittler in einem verwanzten Auto von der Tat berichtet haben, als sie versuchte, erneut in den Irak auszureisen. Jennifer W. kam nur bis Bayern. Dort wurde die Frau aus Niedersachsen festgenommen. Weil nun die neue und womöglich entscheidende Zeugin dazu kam, unterbricht das Gericht die Verhandlung direkt nach Verlesung der Anklage für drei Wochen bis zum 29. April.

Nach Angaben der jesidischen Organisation Yazda ist der Prozess die weltweit erste Anklage wegen Straftaten von IS-Mitgliedern gegen die religiöse Minderheit der Jesiden. Die jesidische Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad, die mittlerweile in Baden-Württemberg lebt, nannte den Prozess ein wichtiges Verfahren für alle jesidischen Überlebenden. "Jeder Überlebende, mit dem ich gesprochen habe, wartet auf ein und dieselbe Sache: Dass die Täter für ihre Taten gegen die Jesiden, insbesondere gegen Frauen und Kinder, verfolgt und vor Gericht gestellt werden."

Die angeklagte Deutsche ist selbst Mutter einer kleinen Tochter. Auf Fragen zu dem Kind will ihr Anwalt nichts sagen. Das Mädchen habe es schwer genug. Nur so viel: "Sie lebt bei ihrer Oma und ihr geht es gut."

Quelle: SN, Dpa

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