Weltpolitik

Ein Krieg könnte für Russland innenpolitisch teuer werden

Obwohl Russlands Armee der ukrainischen mehrfach überlegen ist, droht bei einem Feldzug erbitterter Widerstand.

Ein ukrainischer Soldat steht an der Separationslinie zu prorussischen Rebellen in Mariupol.  SN/AP
Ein ukrainischer Soldat steht an der Separationslinie zu prorussischen Rebellen in Mariupol.

Die ukrainischen Nachrichtendienste befürchten blutige Provokationen der Russen. In der ostukrainischen Rebellenhauptstadt Donezk etwa sollen Scharfschützen aus einem stillgelegten Förderturm das Feuer auf Gläubige eröffnen, die zur Feier des orthodoxen Tauffests in das Eiswasser eines Teichs im frontnahen Stadtteil Petrowski steigen. Davor warnte am Dienstag das staatliche Zentrum für Strategische Kommunikation und Informationssicherheit.

Nicht nur im Rebellengebiet riecht es brenzlig. Im benachbarten Belarus treffen immer neue russische Truppen ein, die im Februar an russisch-belarussischen Manövern auch an der südlichen, also ukrainischen, Grenze teilnehmen sollen. Die Fachwelt diskutiert die Dimensionen einer russischen Invasion. Die Russen haben die Ukraine in die Zange genommen, können von der Krim den Süden des Landes bedrohen, aus den russischen Regionen Brjansk oder Rostow seinen Osten, aus Belarus sogar die Hauptstadt Kiew. Und Russlands Armee ist laut dem Portal Global Firepower mit 850.000 Soldaten, 12.420 Panzern und vor allem 1511 Kampfjets den Ukrainern mit 200.000 Soldaten, 2596 Panzern und 98 Kampfflugzeugen zahlenmäßig mehrfach überlegen.

Deren Verteidigungshaushalt von 11,87 Milliarden Dollar beträgt nur einen Bruchteil der 154 Milliarden Dollar, die Russland jährlich für seine Streitkräfte aufwendet. Auch ukrainische Experten betrachten die Russen als übermächtig.

Moskau dementiert jede Absicht zum Großangriff auf das kleinere Nachbarland, auch viele ukrainische Experten glauben nicht daran. "Die Russen haben 300.000 bis 400.000 kampfkräftige Berufssoldaten", sagt der Donbass-Experte Dmytro Durnjew. "Auch wenn sie damit jede ukrainische Stadt erobern können, brauchen sie noch eine Million Reservisten, um das besetzte Gebiet zu kontrollieren." Das sei ohne Mobilmachung in Russland nicht möglich.

Und es könnte den Ukrainern erlauben, zurückzuschlagen. Außer 90.000 Aktiven besitzen laut Durnjew auch 300.000 Reservisten Donbass-Kriegserfahrung. "Sie haben in kleinen taktischen Gruppen gekämpft, sie werden die Panzer passieren lassen, dann Nachschubkolonnen oder Besatzungspatrouillen angreifen."

Gerade junge Leute gelten als antirussisch, patriotisch und keineswegs pazifistisch. "Es gibt nur wenige Ukrainer, die die Russen mit Brot und Salz empfangen werden", sagt Durnjew. "Es wird Widerstand geben, ein selbst organisiertes Netzwerk aus Kämpfern der Territorialverteidigung und Donbass-Veteranen." Dazu drohen Russland neue westliche Sanktionen, die der Wirtschaft Schaden zufügen werden. Krieg bedeutet für Russland erneut Minuswachstum, sinkenden Lebensstandard und Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Ein Krieg könnte innenpolitisch teuer werden.

Aufgerufen am 22.05.2022 um 04:18 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/ein-krieg-koennte-fuer-russland-innenpolitisch-teuer-werden-115857115

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