Weltpolitik

Eine Tote bei Schüssen auf Synagoge in Kalifornien

Sechs Monate nach dem rechtsradikal motivierten Angriff auf eine Synagoge in Pittsburgh hat ein Mann in einem jüdischen Gotteshaus in Kalifornien das Feuer eröffnet und eine Frau getötet. Drei weitere Personen seien am Samstag verletzt worden, sagte der Sheriff im San Diego County, Bill Gore. US-Präsident Donald Trump sprach von einem "Hassverbrechen" und verurteilte die Tat.

Der Angriff ereignete sich in dem Ort Poway nahe San Diego. Wie der zuständige Sheriff Gore bei einer Pressekonferenz sagte, handelt es sich bei den Verletzten um eine Jugendliche, einen 34-jährigen Mann und den Rabbiner, der an den Händen verletzt wurde. Sie seien außer Lebensgefahr. Die Tote sei eine 60 Jahre alte Frau.

Das israelische Außenministerium teilte am Sonntag mit, unter den Verletzten seien zwei Israelis, ein achtjähriges Mädchen und sein 31-jähriger Onkel. Sie seien vor einigen Jahren aus der israelischen Grenzstadt Sderot nach San Diego gezogen.

Ein 19-jähriger Verdächtiger wurde festgenommen, er soll zuvor nicht polizeilich in Erscheinung getreten sein. Sheriff Gore zufolge stürmte der Angreifer am Vormittag (Ortszeit) die Synagoge Chabad of Poway, wo rund hundert Gläubige den letzten Tag des Pessach-Festes feiern wollten. Er habe das Feuer mit einem Sturmgewehr eröffnet, das offenbar nicht richtig funktionierte, wodurch noch Schlimmeres verhindert worden sei.

Lokalisierungskarte  SN/APA
Lokalisierungskarte

Ein außer Dienst befindlicher Beamter, der sich in der Synagoge befand, habe auf den Angreifer geschossen, als dieser die Flucht ergriff, sagte Gore. Der Beamte habe das Auto des mutmaßlichen Täters getroffen. Der 19-Jährige wurde schließlich von einem per Funk informierten Beamten festgenommen, wie der Polizeichef San Diegos, David Nisleit, sagte.

Der Bürgermeister von Poway, Steve Vaus, dankte "denen in der Gemeinde, die sich dem Schützen entgegenstellten und verhinderten, dass dies ein noch schlimmerer Vorfall wurde". Die Behörden in Los Angeles kündigten nach der Tat an, die Sicherheit vor Synagogen und anderen Gotteshäusern zu verstärken.

Die Ermittler erklärten, die Einträge des mutmaßlichen Attentäters in Onlinenetzwerken durchzugehen. Sie versuchten zudem einen im Internet veröffentlichten offenen Brief zu verifizieren, sagte Gore.

Laut Polizeichef Nisleit floh der Verdächtige zunächst vom Tatort, habe dann aber selbst die Polizei angerufen und sich anschließend widerstandslos festnehmen lassen. Vaus sagte dem Sender CNN, er gehe davon aus, dass der Angreifer gezielt eine Synagoge ins Visier genommen habe. "Ich habe gehört, dass es definitiv jemand mit Hass in seinem Herzen war, Hass auf unsere jüdische Gemeinschaft."

Nach dem Angriff verurteilte US-Präsident Trump jeglichen Antisemitismus auf das Schärfste. "Unsere gesamte Nation trauert um den Verlust von Leben, betet für die Verletzten und ist solidarisch mit der jüdischen Gemeinschaft", sagte er bei einem Wahlkampfauftritt in Green Bay im US-Staat Wisconsin. "Mit Nachdruck verurteilen wir das Übel des Antisemitismus und des Hasses, das besiegt werden muss."

Auch der Gouverneur von Kalifornien, Gavin Newsom, verurteilte die Tat. "Wir können die Umstände dieser entsetzlichen Tat nicht ignorieren", fügte er hinzu. "Niemand sollte Angst haben, sein Gotteshaus zu besuchen, und niemand sollte wegen seines Glaubens angegriffen werden." Der demokratische Abgeordnete für Kalifornien, Mike Levin, erklärte, der Hass und die Gewalt müssten aufhören.

Der israelische UNO-Botschafter Danny Danon betonte, es sei Zeit zu handeln und den Antisemitismus entschlossen zu bekämpfen. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles erklärte, die Tat erinnere "auf schreckliche Weise daran, dass die Flammen des Hasses bei einigen noch immer wüten". Attacken auf Gotteshäuser - "von Kirchen in Sri Lanka und Frankreich über Synagogen in Jerusalem oder Pittsburgh bis zu Moscheen in Christchurch" - seien "ein Angriff auf die menschliche Würde".

Der israelische Regierungschef Benjamin Netanyahu erklärte nach Angaben seines Büros, die Tat habe "das Herz des jüdischen Volkes getroffen". Die internationale Gemeinschaft müsse "den Kampf gegen den Antisemitismus verstärken", forderte Netanyahu. Angesichts eines Anstiegs antisemitischer Angriffe auf der ganzen Welt wolle der Ministerpräsident in dieser Woche eine Sonderberatung abhalten, hieß es in der Mitteilung.

Auch der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin äußerte sich "schockiert und traurig" über den Anschlag. Er sei "eine weitere schmerzhafte Erinnerung daran, dass Antisemitismus und Judenhass immer noch da sind, überall", sagte Rivlin. "Kein Land und keine Gesellschaft sind immun. Wir können nur durch Erziehung zum Holocaust-Gedenken und zur Toleranz mit dieser Plage umgehen."

Der Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner, Pinchas Goldschmidt, kritisierte die Internetkonzerne. Sie sollten dafür verantwortlich gemacht werden, eine Plattform für Rassismus, Antisemitismus und Hass zu bieten. "Die 5.700 Mitarbeiter von Facebook, die das Hassmaterial ihrer zwei Milliarden Nutzer überwachen, sind ein trauriger Witz", erklärte er. Gotteshäuser müssten von ihren Regierungen angemessen geschützt und Schusswaffen eingeschränkt werden.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) zeigte sich am Sonntag "schockiert" über den tödlichen Angriff auf die Synagoge in Kalifornien und sprach den Betroffenen sein Mitgefühl aus. "Wir müssen den Kampf gegen Antisemitismus fortsetzen und das Recht aller, in Sicherheit zu beten, schützen", betonte Kurz auf Twitter.

Sheriff Gore sagte, man prüfe, ob eine im Internet veröffentlichte Kampfschrift, die dem Festgenommenen zugeschrieben wurde, authentisch sei. Darin schreibt der Autor, dass Juden "nichts als die Hölle" verdienten. "Ich werde sie dorthin schicken." Der Verfasser bezieht sich darin auch auf Brenton Tarrant, den mutmaßlichen Attentäter von Christchurch. Der Rechtsextremist soll für den Anschlag auf zwei Moscheen mit 50 Todesopfern in Neuseeland verantwortlich sein.

Der Autor bekennt sich in dem nicht verifizierten Schreiben auch auf einen bisher nicht aufgeklärten Brandanschlag auf eine Moschee im kalifornischen Escondido kurz nach dem Anschlag in Christchurch. Sheriff Gore sagte, es werde geprüft, ob es eine Verbindung zu dieser Tat gebe.

Auf den Tag genau sechs Monate vor dem Angriff in Poway hatte ein Rechtsradikaler in der "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh elf Menschen erschossen. Es handelte sich um das folgenschwerste antisemitische Verbrechen in der Geschichte der USA. Dem Täter wird derzeit der Prozess gemacht. Ihm droht nach Angaben des Justizministeriums die Todesstrafe.

Nach jüngsten Statistiken der Bundespolizei FBI haben Hassverbrechen in den USA 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent zugenommen. 2017 registrierten die Behörden 7.175 solche Verbrechen. 1.679 davon wurden als religiös motiviert eingestuft. Von diesen Taten richteten sich wiederum 58,1 Prozent gegen Juden, 18,7 Prozent gegen Muslime. Kritiker werfen Trump vor, nicht energisch genug gegen Rechtsradikale Position zu beziehen oder sie mit seiner hitzigen Rhetorik sogar zu ermutigen.

Quelle: Apa/Dpa/Ag.

Aufgerufen am 21.10.2020 um 06:35 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/eine-tote-bei-schuessen-auf-synagoge-in-kalifornien-69429169

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