Weltpolitik

Einst mächtige syrische Rebellengruppe vor der Auflösung

Ahrar al-Scham gehörte einst zu den mächtigsten Rebellenmilizen in Syrien, doch mit dem Verlust der Kontrolle über die Provinz Idlib steht die salafistische Gruppierung vor der Auflösung. Sie hatte lange versucht, eine Brücke zu bilden zwischen moderaten Aufständischen und radikalen Jihadisten, doch am Ende ging diese Strategie nicht auf.

Graffiti der Ahrar al-Scham bald Verganenheit.  SN/APA (Symbolbild/AFP)/GEORGE OURF
Graffiti der Ahrar al-Scham bald Verganenheit.

Im Juli verlor sie fast alle Gebiete in Nordsyrien an ihre einstigen Verbündeten von der Jihadistengruppe Tahrir al-Scham. "Militärisch ist Ahrar al-Sham am Ende. In weniger als 48 Stunden hat sie ihre wichtigsten Stellungen Tahrir al-Sham überlassen müssen", sagt Nawar Oliver vom türkischen Politikinstitut Omran. Die Kämpfe zwischen den beiden rivalisierenden Milizen hatten Mitte Juli begonnen. Als am 21. Juli eine Waffenruhe vereinbart wurde, war Ahrar al-Scham aus der Provinzhauptstadt Idlib vertrieben.

Neben wichtigen Straßen und Kontrollposten verlor die Gruppe auch die Kontrolle über den Grenzübergang Bab al-Hawa und damit die Möglichkeit, Zölle auf die Einfuhren aus der Türkei zu erheben. "Ahrar al-Scham kontrolliert nunmehr nur noch Regionen wie Ariha und Maarat al-Numan, die weder beim Kampf gegen das Regime noch hinsichtlich der Ressourcen von strategischer Bedeutung sind", sagt Oliver.

Zu Beginn des Aufstands gegen Präsident Bashar al-Assad 2011 hatte sich Ahrar al-Scham rasch einen Namen gemacht als eine der kampfstärksten Rebellengruppen. Zwischenzeitlich zählte sie 10.000 bis 20.000 Kämpfer und genoss in der Provinz Idlib breiten Rückhalt. Doch im September 2014 wurde praktisch die gesamte Führung bei einem Bombenanschlag getötet, zu dem sich bis heute niemand bekannt hat.

Nach dem Anschlag übernahmen die Hardliner die Führung und verbündeten sich mit dem syrischen Al-Kaida-Ableger Al-Nusra-Front, der heute Tahrir al-Sham heißt. Gemeinsam eroberten sie 2015 die gesamte Provinz Idlib, doch blieben ideologische Differenzen, da Ahrar al-Scham die transnationale Ausrichtung von Al-Kaida nicht übernahm. Vielmehr sah sich die Gruppe als Brücke zu moderateren Aufständischen.

Ahmad Abazeid von Centre Toran in der Türkei sieht in dieser "langwährenden Unentschiedenheit und chaotischen Identität" einen Grund für den Niedergang der Gruppe. Zudem habe sie viele lokale Verbündete und regionale Unterstützer verloren. Da Ahrar al-Sham moderaten Rebellen keine Hilfe leistete, als diese von Jihadisten angegriffen wurden, habe sie nun selbst auch keine Hilfe erhalten, sagt Oliver.

Ihre Niederlage erkläre sich auch aus dem "völligen Mangel der Mobilisierung" seitens der Türkei, die Ahrar al-Sham lange unterstützt hatte, sagt der Experte. Er erwartet nicht, dass sich die Gruppe von dem Rückschlag noch mal erholt. Vielmehr würden ihre Kämpfer nun wohl zu anderen Rebellengruppen überlaufen oder sich den Jihadisten von Tahrir al-Scham anschließen, die heute die mächtigste Gruppe in Idlib ist.

Sam Heller vom Politikinstitut Century Foundation wertet die Niederlage von Ahrar al-Sham als Rückschlag für die gesamte Opposition. Noch habe die Machtübernahme der Jihadisten in Idlib keine negativen Auswirkungen auf die Hilfslieferungen für die Zivilbevölkerung gehabt, sagt Heller. Die Provinz sei nun aber unter Kontrolle einer Gruppe, die vielen Ländern als Terrororganisation gelte und international kein akzeptierter Gesprächspartner sei.

Quelle: Apa/Ag.

Aufgerufen am 19.11.2018 um 02:48 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/einst-maechtige-syrische-rebellengruppe-vor-der-aufloesung-17096998

Schlagzeilen