Weltpolitik

Erdogan droht mit Militäreinsatz gegen syrische Truppen

Der Konflikt zwischen der Türkei und dem von Russland unterstützten syrischen Militär im Nordwesten Syriens spitzt sich weiter zu. Ein türkischer Einsatz gegen syrische Streitkräfte stehe in der Provinz Idlib "unmittelbar bevor", sollten sich diese nicht bis zum Monatsende hinter türkische Militärposten in der Region zurückziehen, drohte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Mittwoch.

Allein aus dem Nordosten des Landes flohen rund 900.000 Syrer SN/APA (AFP)/BAKR ALKASEM
Allein aus dem Nordosten des Landes flohen rund 900.000 Syrer

Moskau warnte die Türkei vor einem solchen Angriff. Derweil wird die humanitäre Lage für die Flüchtlinge in der Region immer kritischer.

Die türkischen Truppen könnten "ohne Vorwarnung eines Nachts auftauchen", sagte Erdogan. "Das sind unsere letzten Warnungen." Die Gespräche mit Russland als Verbündetem der syrischen Streitkräfte gingen weiter, sie hätten jedoch bisher kein "Ergebnis, das wir wollen", gebracht. "Wir sind sehr weit von dem Punkt entfernt, den wir erreichen wollen."

Die Türkei stockte in den vergangenen Tagen ihre Kräfte in Idlib bereits auf. "Wir haben alle unsere Vorbereitungen getroffen, um unsere eigenen Pläne umsetzen zu können", betonte Erdogan. "Wir sind entschlossen, aus Idlib eine sichere Region für die Türkei und die einheimische Bevölkerung zu machen, egal zu welchem Preis."

Russland warnte die Türkei unverzüglich vor einem Angriff auf syrische Truppen. Dies wäre das "schlechteste Szenario", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Im UNO-Sicherheitsrat stimmte Moskau nach Angaben von Diplomaten aber gegen eine Erklärung für eine Waffenruhe im Nordwesten Syriens.

Die syrische Armee geht seit Dezember mit Unterstützung Moskaus militärisch verstärkt gegen die überwiegend islamistischen und dschihadistischen Milizen in der Provinz Idlib vor. Der syrische Machthaber Baschar al-Assad will die Region wieder unter seine Kontrolle bringen. Die Türkei steht aufseiten der Gegner Assads, die ihre letzte Hochburg in dem Bürgerkriegsland verteidigen wollen.

Ankara und Moskau werfen sich gegenseitig vor, ihre Verpflichtungen aus dem Abkommen von Sotschi aus dem Jahr 2018 nicht einzuhalten. Beide Seiten hatten sich damals auf die Einstellung der Kämpfe in Idlib geeinigt. Alle seither vereinbarten Feuerpausen wurden jedoch kurz nach Inkrafttreten gebrochen.

Seit Anfang Dezember haben rund 900.000 Menschen nach Angaben der Vereinten Nationen das umkämpfte Gebiet verlassen. Noch nie seit Kriegsbeginn 2011 flohen so viele Menschen innerhalb so kurzer Zeit. Der Konflikt habe "ein schreckliches Ausmaß erreicht", sagte der UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock am Dienstag. Die Menschen seien traumatisiert und gezwungen, bei eisigen Temperaturen draußen zu schlafen, weil die Lager voll seien.

Ein Bündnis syrischer Hilfsorganisationen appellierte am Mittwoch in Istanbul an die Weltgemeinschaft, "aufzuwachen" und das "Gemetzel" in Idlib zu stoppen. Die Menschen flöhen "auf der Suche nach Sicherheit, nur um dann wegen extremer Wetterbedingungen und Ressourcenmangel zu sterben". Insgesamt seien 310 Millionen Euro internationaler Hilfsgelder für Nahrungsmittel, Wasser und Unterkünfte nötig. Das Bündnis forderte die Kriegsparteien zudem auf, Hilfsorganisationen einen sicheren Zugang in die Region zu ermöglichen und sich auf einen Waffenstillstand zu einigen.

Auch die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" forderte ein Ende der Kampfhandlungen. "Die Situation der Menschen ist verzweifelt", erklärte Julien Delozanne, Landeskoordinator für Syrien, am Mittwoch. Die Lebensbedingungen in den Vertriebenenlagern seien bereits jetzt hart. Wenn die Angriffe fortgesetzt würden, werde sich die Lage noch verschlimmern.

Den syrischen Regierungskräften und ihren russischen Unterstützern wurde wiederholt vorgeworfen, gezielt Krankenhäuser und Kliniken anzugreifen. Von rund 550 medizinischen Einrichtungen im Nordwesten Syriens seien nur rund die Hälfte in Betrieb, sagte der Chef der Weltgesundheitsorganisation WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, am Dienstag.

Quelle: Apa/Dpa

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