Erdogan stürzt nicht nur die Türkei ins Chaos

In der Türkei droht eine politische Krise. Doch so unerträglich das Regime Erdoğan ist: Schadenfreude ist fehl am Platz.

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Standpunkt Gerd Höhler

Noch hat die türkische Währungskrise den Staatschef Recep Tayyip Erdoğan nicht erreicht. Im Gegenteil, er steht einstweilen als Gewinner da. Erdoğan zeigt auf Donald Trump als den Schuldigen, spricht von einem "Wirtschaftskrieg", den die USA der Türkei erklärt hätten. Diese populistische Rhetorik verfängt bei vielen Türken.

Der Staatschef selbst vergleicht die Situation mit dem Putschversuch vom Juli 2016. Wie damals hofft er, auch jetzt aus den Turbulenzen gestärkt hervorzugehen. Noch folgen ihm seine Anhänger. Aber Erdoğan wird immer mehr zu einem Risiko für sein Land. Mit seiner Politik des billigen Geldes hat er jahrelang einen Wirtschaftsboom künstlich aufgepumpt.

Jetzt droht die Blase zu platzen. Seine Bevormundung der Zentralbank und seine ständige Einmischung in die Geldpolitik beschleunigen den Absturz der türkischen Währung. Erdoğans bizarre Auftritte während der vergangenen Tage werfen für Investoren die Frage auf, wie berechenbar die Politik des Landes überhaupt noch ist. Erdoğan mag es gelingen, mit dem Verweis auf einen imaginären äußeren Feind seine Landsleute noch eine ganze Weile um sich zu scharen. Das ist eine beliebte Methode autoritärer Herrscher, von eigenen Fehlern abzulenken - Nicolás Maduro lässt grüßen. Anders als in Venezuela geht in der Türkei bisher niemand wegen der Inflation und des Währungsverfalls auf die Straße. Aber die Schlangen vor den Bankschaltern und Wechselstuben sind Warnsignale.

Aus den Währungsturbulenzen könnte schnell eine politische Krise werden. Aber so unerträglich das Regime Erdoğan auch ist: Schadenfreude ist fehl am Platz. Eine politisch chaotische Türkei, die noch weiter in Richtung Diktatur abdriftet und sich womöglich in die Umarmung Russlands begibt - das wäre das Letzte, was sich Europa und die USA wünschen können. Wie wichtig die Türkei sicherheitspolitisch ist, zeigte zuletzt der Krieg gegen die IS-Terrormiliz im Nahen Osten. Dabei spielte die südtürkische Luftwaffenbasis Incirlik eine wichtige Rolle. Kremlchef Putin wartet nur darauf, dass Erdoğan den USA den Stuhl vor die Tür setzt und die Russen nach Incirlik einlädt. Trumps Sanktionsstrategie gegenüber Ankara ist deshalb unklug.

Der Westen sollte jetzt alles daransetzen, die Türkei zu stabilisieren. Das schuldet er nicht nur den eigenen Sicherheitsinteressen, sondern auch jenen türkischen Oppositionellen, die unter Einsatz ihrer Freiheit für die Demokratie in ihrem Land kämpfen.

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