Weltpolitik

EU-Länder wollen Gas gemeinsam einkaufen

Nach neunstündigem Ringen um Maßnahmen gegen die hohen Energiepreise haben sich die EU-Länder darauf geeinigt, gemeinsam Gas einzukaufen. "Ich begrüße, dass wir unsere gemeinsame Verhandlungskraft nutzen werden", sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach dem Gipfel am Freitagabend. "Anstatt uns gegenseitig zu überbieten und die Preise in die Höhe zu treiben, werden wir unsere Nachfrage bündeln." Österreich pochte auf Solidarität beim Thema Gasspeicher.

Von der Leyen will "enorme Kaufkraft" der EU im Gasbereich nützen SN/APA/AFP/JOHN THYS
Von der Leyen will "enorme Kaufkraft" der EU im Gasbereich nützen

Bei Pipeline-Gas repräsentiere die EU etwa 75 Prozent des Marktes, sagte von der Leyen. "Wir haben eine enorme Kaufkraft." In der Gipfelerklärung heißt es, die Länder und die Kommission sollten mit Akteuren des Energiesektors erörtern, ob und wie unter anderem Preisobergrenzen oder Steuernachlässe dazu beitragen könnten, den Gaspreis zu senken und seine "Ansteckungswirkung" auf die Strommärkte zu bekämpfen. Gleichzeitig fordern die Staats- und Regierungschefs Vorschläge von der Kommission gegen die hohen Strompreise, die die Integrität des Binnenmarkts wahren und Anreize für die Energiewende schaffen.

Durch die gemeinsamen Gaseinkäufe auf freiwilliger Basis erhoffen sich die Staaten bereits einen Preisvorteil. Man wolle das "kollektive politische und marktwirtschaftliche Gewicht der Europäischen Union" nutzen, um Preise in Kaufverhandlungen zu drücken, so die Erklärung. Dafür könnte laut Plänen der Kommission ein ihr unterstehendes Team mit Unterstützung der Mitgliedstaaten mit Lieferanten verhandeln - ähnlich wie beim gemeinsamen Kauf der Corona-Impfstoffe. Die gemeinsamen Käufe sollen laut der Erklärung auch für die Ukraine, Moldau und Georgien offen sein, sowie die Länder des Westbalkans.

Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) begrüßte die Pläne zum gemeinsamen Gaseinkauf. "Es ist gut, wenn wir uns abstimmen", sagte er nach dem Gipfel. Zugleich forderte er eine "Lastenverteilung" beim Thema Gasspeicher. Österreich habe nämlich gemessen an seiner Bevölkerung die größten Gasspeicher der EU. Daher brauche es Solidarität bezüglich der Vorgabe der EU-Kommission, wonach die Mitgliedsstaaten ihre Speicher bis 1. November jeweils zu 90 Prozent gefüllt haben müssen. Das Vorhaben der EU-Kommission sei "ambitioniert und nachvollziehbar", könne aber nicht zum Schaden Österreichs erfolgen. "Wir werden auch gerne bevorraten im Sinne des europäischen Geistes, aber dann muss auch klar sein, dass die Kosten im europäischen Geist geteilt werden."

Der polnische Regierungschef Mateusz Morawiecki sagte, Länder wie Deutschland müssten schneller zum Verzicht auf Gas und Öl aus Russland gedrängt werden. Polen werde in der nächsten Woche einen entsprechenden Plan für das eigene Land vorstellen. Der deutsche Kanzler Olaf Scholz sagte, dass die Energieabhängigkeit von Russland schneller zu Ende gehen als erwartet. "Es wird sehr viel schneller gehen als mancher sich wünschen kann." Eine Jahreszahl nannte er nicht. Nehammer bekräftigte sein klares Nein zu einem Embargo gegen russisches Gas und Öl. Für Österreich komme das überhaupt nicht infrage. "Das ist, wenn man sich ins linke und rechte Bein gleichzeitig schießen würde."

Eine klare Absage erteilten die EU-Chefs der Forderung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Gasrechnungen künftig in Rubel zu bezahlen. Man habe die Verträge geprüft und festgestellt, dass die Bezahlung in Euro oder Dollar erfolge, sagte der deutsche Kanzler Scholz. Ähnlich äußerte sich der französische Präsident Emmanuel Macron. Es gebe keinen Grund, der russischen Forderung nachzukommen, sagte er. "Wir haben bestehende Verträge, die vorsehen, dass wir in Euro und Dollar bezahlen, und genau das werden wir weiter umsetzen", sagte Nehammer.

Beim Thema Gaseinkauf pochte Scholz auf Freiwilligkeit. Er wies darauf hin, dass der Einkauf in der EU durch viele privatwirtschaftliche Unternehmen geschehe und dies auch so bleibe. Gegenüber Markteingriffen seien Deutschland und andere Länder sehr skeptisch, betonte Scholz zudem.

Die Staats- und Regierungschefs hatten zuvor mehrere Stunden lang über Maßnahmen gegen hohe Energiepreise diskutiert. Umstritten war dabei, inwieweit in den freien Markt eingegriffen werden soll. Vor allem Spanien hatte für umfangreichere Maßnahmen plädiert. So wollte Madrid etwa den Strompreis vom Gaspreis lösen, denn beide sind in der EU durch einen Preismechanismus gekoppelt. Auch über einen Preisdeckel wurde debattiert, der neben Spanien unter anderem von Griechenland, Italien und Portugal befürwortet wird. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sanchez sagte nach dem Gipfel, seinem Land und Portugal werde eine zeitlich befristete Preisdeckelung für Energiekosten genehmigt. Diese Maßnahmen würden nicht zu Verwerfungen auf dem europäischen Markt führen, so Sanchez.

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