Weltpolitik

Evo Morales - der erste indigene Präsident Boliviens

Ehemaliger Koka-Bauer wurde zur Galionsfigur der südamerikanischen Linken - Er bescherte dem Andenland eine ungewöhnliche lang Periode politischer Stabilität und wirtschaftlichen Wachstums.

In Bolivien endet nach 13 Jahren die Ära des ersten indigenen Präsident des Landes. Evo Morales hat den Andenstaat seit 2006 tiefgreifend umgestaltet. Der frühere Koka-Bauer, der zur Galionsfigur der südamerikanischen Linken aufstieg, bescherte dem Land eine ungewöhnlich lange Periode der Stabilität und des Wirtschaftswachstums. Sein Versuch sich entgegen der Verfassung eine vierte Amtszeit zu sichern wurde ihm schließlich zum Verhängnis.

Gegen Kapitalismus und Imperalismus

Morales propagierte stets eine "demokratische und kulturelle Revolution". Mit flammender Rhetorik kämpfte der erste indigene Präsident des südamerikanischen Landes für die Rechte der lange ausgegrenzten Indio-Mehrheit. Dabei ging es auch immer gegen Imperialismus und Kapitalismus. Gleichzeitig erwies er sich aber auch als ein Pragmatiker, der prüft, wie weit er den Bogen spannen kann. Er war gegebenenfalls bereit, Maßnahmen zurücknehmen und punktuelle Bündnisse auch mit Rivalen zu schließen. Aber nach der umstrittenen Wahl vom 20. Oktober ließ er diese Fähigkeiten vermissen. Demonstranten prangerten landesweit Wahlfälschung an, Morales sprach von einem Putschversuch. Als er dann doch endlich eine Neuwahl ansetze, war es zu spät.

Das Leben der Indios wurde verbessert

Morales setzte sich vor allem für die Rechte der indigenen Bevölkerungsmehrheit ein. "Nie wieder werden wir als Indios übergangen werden", versprach er und verbesserte die Lebenssituation der meist in Armut lebenden Indios in vielen Bereichen. Im Wahlkampf versprach er einmal, die Indios würden nun "500 Jahre im Palacio Quemado (dem Regierungspalast) bleiben". Die 500 Jahre sollen die fünf Jahrhunderte weißer Dominanz seit der spanischen Conquista ausgleichen.

Es hat nicht ganz gereicht. Aber auch wenn das Ende seiner Amtszeit chaotisch war, bescherte er dem Andenland doch eine ungewöhnlich lange Periode politischer Stabilität und wirtschaftlichen Wachstums. Mit fast 14 Dienstjahren als Staatschef weist er die längste Regierungszeit der Geschichte des Andenlandes auf. Vor ihm gab es in Bolivien in einem Jahrhundert 60 Regierungen, viele von ihnen unter der Knute der Militärs.

"Wusste nicht, was Unterwäsche ist"

Juan Evo Morales Ayma wurde am 26. Oktober 1959 als Sohn armer Aymara-Landarbeiter in der kleinen Ortschaft Isallavi geboren, am Poopó-See im westlichen Departement Oruro. Vier seiner Geschwister starben während der Kindheit unter den harten Lebensbedingungen. Als Sechsjähriger arbeitete er mit seinem Vater bei der Zuckerrohrernte in Nordargentinien. "Bis ich 14 war, wusste ich nicht, dass es Unterwäsche gibt", schrieb Morales in seiner Autobiografie. "Meine Mutter zog mich nur aus, um Flöhe zu suchen oder meine Kleidung an Ellenbogen und Knien zu flicken."

Bergmann, Ziegelträger, Trompeter

Morales schlug sich auch als Bergmann, Ziegelträger, Bäcker und Trompeter durch, bevor er 1981 seine politische Karriere in der Gewerkschaft der Koka-Bauern im tropischen Chapare-Gebiet startete. Nach seinem Aufstieg zum Generalsekretär gründete er die Bewegung zum Sozialismus (MAS) und zog 1997 als Abgeordneter ins Parlament ein. Ende 2005 wurde er dann zum Präsidenten gewählt. 2009 und 2014 wurde er jeweils mit absoluter Mehrheit auf Anhieb wiedergewählt.

Neben den Rechten der Indios war die Verstaatlichung der bolivianischen Öl-, Gas- und Bergbausektors eines der wichtigstes Anliegen in der Präsidentschaft von Morales. Die Exporterlöse investierte Morales unter anderem in Sozialprogramme. Denn sein wichtigstes Ziel blieb der Kampf gegen die Armut.

Dichtes Haar, bunte Kleidung

Seinem Stil blieb er im Amt treu: dichtes schwarzes Haar kombiniert mit bunter, traditioneller Anden-Kleidung. Und auch politisch blieb er bei seiner Linie: Er kämpft für eine internationale Entkriminalisierung des Koka-Anbaus, stichelt gegen seinen Lieblingsfeind USA und knüpft neue Bündnisse mit dem Iran, Russland und China. Gegner warfen Morales allerdings vor, dass es ihm nicht gelungen sei, Unsicherheit, Drogenhandel und Korruption zu bekämpfen.

Morales und Österreich

Eine besondere Beziehung hatte Morales zu Österreich, das er mehrmals - etwa im Rahmen des EU-Lateinamerikagipfels 2006, aber auch zu Treffen des UNO-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) - besuchte. In besonderer Erinnerung blieb ihm wohl ein unfreiwilliger Österreich-Aufenthalt am 3. Juli 2013. Damals musste Morales 13 Stunden lang am Wiener Flughafen zubringen, nachdem ihm mehrere europäische Staaten offenbar auf Geheiß der USA den Überflug verweigert hatten. Grund waren Gerüchte, der Linkspolitiker habe in Moskau den flüchtigen NSA-Whistleblower Edward Snowden an Bord genommen. Der damalige Bundespräsident Heinz Fischer versuchte die Wogen zu glätten, indem er Morales demonstrativ am Flughafen besuchte. Zwei Jahre später bereitet Morales Fischer in Bolivien einen Heldenempfang und sprach von einer "unvergessenen Geste".

Schwerer Schlag für Südamerikas Linke

Morales ́ Abtritt ist ein schwerer Schlag für die Linke Südamerikas, die in den vergangenen Jahren sukzessive geschwächt wurde. Während Venezuela durch einen Machtkampf zwischen sozialistischer Regierung und dem bürgerlichen Übergangspräsidenten paralysiert ist, wurden die linken Präsidenten Argentiniens, Brasiliens und Chiles in den vergangenen Jahren abgewählt.

Was nun aus Morales wird? Vor einigen Jahren hatte er einmal gesagt, nach seiner Amtszeit wolle er ein Restaurant eröffnen und dort selbst als Kellner arbeiten. Die Preise würden natürlich moderat sein.

Aufgerufen am 01.12.2021 um 10:28 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/evo-morales-der-erste-indigene-praesident-boliviens-79031686

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