Weltpolitik

Ex-FARC-Kämpfer gehen in die Politik und lösen Babyboom aus

Jahrzehntelang befanden sie sich im Krieg, jetzt bereiten sie sich auf ihr Leben in Frieden vor - die Ex-FARC-Rebellen in Kolumbien. Das Ende des Kampfes hat bereits erfreuliche Folgen.

"Wir wollen kein Blut mehr vergießen", sagt Kelly Martinez, Krankenschwester bei der kolumbianischen Guerillabewegung FARC. Die 42-Jährige hat den größten Teil ihres Lebens für die linken "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" gearbeitet, doch jetzt scheint sich alles zu ändern.

Im Juni 2016 handelten Vertreter der FARC und der kolumbianischen Regierung nach jahrzehntelangen blutigen Kämpfen einen Waffenstillstand aus. Später wurde ein Friedensvertrag aufgesetzt.

Diesen Monat wollen die Rebellen damit beginnen, ihre Waffen niederzulegen. Damit gibt die FARC ihren Kampf um die Macht im Land jedoch nicht auf. Er soll jetzt aber nicht mehr mit Gewalt, sondern an der Wahlurne ausgetragen werden. Die Frage ist, ob das gelingen kann.

In den provisorischen Lagern führen die ehemaligen Kämpfer ein ruhiges Leben. Sie bauen Häuser, die die Zelte ersetzen sollen, spielen Fußball oder treffen ihre Kinder und Verwandten wieder. Anstatt der grünen FARC-Kampfanzüge tragen die Männer jetzt Trainingsanzüge.

Die Kinder des Friedens

Stichwort Kinder: In den Reihen der ehemaligen Kämpferinnen sind derzeit 114 Frauen schwanger. 77 Babys sind seit Ende der Kämpfe bereits zur Welt gekommen. In Kolumbien werden diese Mädchen und Buben die "Kinder des Friedens" genannt.

Dennoch: "Wir werden weiterhin kämpfen, aber mit Worten anstatt mit Waffen", sagt Martinez in einem Zeltlager auf einer Bergkuppe im Norden Kolumbiens. Hier haben sich rund 160 FARC-Kämpfer versammelt, um ihre Waffen an Vertreter der Vereinten Nationen abzugeben.

In ganz Kolumbien haben die etwa 7.000 Rebellen der FARC ihre Hochburgen verlassen, um sich in 26 Demobilisierungszonen zu treffen. Dort sollen sie bis Juni dieses Jahres entwaffnet werden.

Mutter und Tochter: Ex-FARC-Rebellin Marly Velasquez mit ihrer wenige Wochen alten Tochter Andry Talia in La Carmelita. SN/AP
Mutter und Tochter: Ex-FARC-Rebellin Marly Velasquez mit ihrer wenige Wochen alten Tochter Andry Talia in La Carmelita.

Sie alle sollen nun wieder in die Zivilgesellschaft integriert werden. Nach einem halben Jahrhundert der Revolte, bei der mehr als 200.000 Menschen getötet wurden und Millionen ihre Heimat verlassen mussten, ist diese Integration entscheidend für den Frieden in Kolumbien.

Trotzdem möchte die FARC ihr ursprüngliches Ziel nicht vergessen. Sie wollten irgendwann den Präsidenten stellen, sagen Kommandanten. Aber die Organisation entwickle sich nun von einer militärischen zu einer politischen Bewegung. Solis Almeyda, ein ehemaliger Anführer, ist überzeugt, dass die Menschen die FARC wählen werden. "Die Leute haben genug von den korrupten Parteien. Wir haben den Ruf, nicht korrupt zu sein."

Baby und Ballermann: Alexis Patino (drei Monate alt) schläft friedlich im Lager La Carmelita. Hoffentlich muss er nie zu der neben ihm liegenden Colt M-16 greifen. SN/AP
Baby und Ballermann: Alexis Patino (drei Monate alt) schläft friedlich im Lager La Carmelita. Hoffentlich muss er nie zu der neben ihm liegenden Colt M-16 greifen.

Die Rahmenbedingungen sind nicht schlecht. Der Friedensvertrag vom vergangenen Sommer sichert den Rebellen in den nächsten zwei Wahlperioden zehn Sitze im Kongress zu. Außerdem erwarten Experten, dass sich die politische Linke durch den Eintritt der FARC ins Parteiensystem neu formieren wird.

Es ist allerdings umstritten, inwiefern die Bevölkerung überhaupt hinter der FARC steht. In anderen lateinamerikanischen Ländern wie Brasilien und Argentinien verliert die politische Linke an Einfluss, dafür gewinnen Mitte-Rechts-Parteien die Wahlen.

Im vergangenen Oktober hatte eine knappe Mehrheit von 50,22 Prozent der Kolumbianer bei einem Referendum gegen den Friedensvertrag mit der FARC gestimmt. Grund dafür war unter anderem die geplante milde Bestrafung von Kriegsverbrechen der Rebellen. Die Regierung und die FARC-Führung verhandelten daraufhin den Vertrag neu. Er wurde schließlich vom Kongress angenommen; dem Volk wurde er nicht mehr zur Abstimmung vorgelegt.

Die Waffe hängt bereits am Nagel: Sandra Saez tut das, was eine Mutter in diesem Fall machen muss: Sie wechselt bei ihrer Tochter Manuela die Windel. SN/AP
Die Waffe hängt bereits am Nagel: Sandra Saez tut das, was eine Mutter in diesem Fall machen muss: Sie wechselt bei ihrer Tochter Manuela die Windel.

Viele Kolumbianer werfen der FARC auch vor, ihre eigene Ideologie über Bord geworfen zu haben. Tatsächlich handelte die Organisation auch mit Drogen und entführte Geiseln, um ihre Revolte zu finanzieren. Bei Angriffen der Gruppe kamen auch immer wieder Zivilisten um.

Jetzt könnte der Weg der Rebellen in die Zivilgesellschaft für sie selbst gefährlich werden. FARC-Anführer verweisen auf die steigende Anzahl ermordeter Menschenrechtsaktivisten, die mit der FARC sympathisiert hätten. Das Institut für Entwicklungs- und Friedensstudien in Bogota teilte mit, dass im vergangenen Jahr 117 Aktivisten getötet wurden, im Jahr 2015 seien es 105 gewesen.

Viele der Morde werden rechten paramilitärischen Gruppen zugeschrieben. Sie sind erbost darüber, dass die FARC eine politische Partei gründen kann und ihre Mitglieder Gefängnisstrafen entgehen. Um sich vor diesen Gruppen zu schützen, darf die FARC auch nach der Demobilisierung 2.000 bewaffnete Aktivisten behalten. Die kolumbianische Regierung schickt zudem fast 70.000 Soldaten in Gegenden, die früher von der FARC kontrolliert wurden. So soll verhindert werden, dass sich in dem Machtvakuum kriminelle Gangs ausbreiten.

Viele FARC-Mitglieder erinnern sich noch gut daran, was das letzte Mal passierte, als die FARC in die Politik einstieg. In den 80er-Jahren wurden etwa 5.000 Mitglieder und Unterstützer der FARC-Partei "Union Patriotica" von rechten Milizen getötet. "In der Vergangenheit wurden linke politische Bewegungen oft durch Kugeln beendet. Die Geschichte darf sich nicht wiederholen", sagt FARC-Kommandant Aldemar Altamiranda.

Quelle: Apa/Reuters

Aufgerufen am 19.11.2018 um 11:26 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/ex-farc-kaempfer-gehen-in-die-politik-und-loesen-babyboom-aus-317143

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