Weltpolitik

Fall Nawalny: Diese Kremlkritiker wurden mutmaßlich auch vergiftet

Der Aktivist Alexej Nawalny ist nicht das erste Opfer eines russischen Giftanschlags. Welche weiteren Kremlkritiker mutmaßlich von Moskau vergiftet wurden.

Nawalny wird derzeit wegen Vergiftungssymptomen in Berlin behandelt. SN/AP
Nawalny wird derzeit wegen Vergiftungssymptomen in Berlin behandelt.

Der Kremlkritiker Alexej Nawalny wurde vermutlich vergiftet,
wie die Berliner Charité am Montag mitteilte. Auch anderen Kremlkritikern widerfuhr ein ähnliches Schicksal. Ein Überblick:

Pjotr Wersilow

Im September 2018 wurde der russische Aktivist der Protestgruppe Pussy Riot und Herausgeber des Onlinemagazins "Mediazona" mit Symptomen einer möglichen Vergiftung in ein Moskauer Krankenhaus gebracht. Später kam er zur Behandlung in die Berliner Charité. Auch bei Wersilow bestehe eine hohe Plausibilität für eine Vergiftung, hieß es nach den Untersuchungen. Anders sei die Entwicklung der Symptome innerhalb des kurzen Zeitraums nicht zu erklären. Welches Gift es war, bekamen auch die Klinikwissenschafter nicht heraus. Wersilow selbst vermutete auch deshalb den russischen Geheimdienst hinter dem Giftanschlag.

Pjotr Werzilow nahm mittels Livezuschaltung an der Pressekonferenz zum Fall Nawalny teil. SN/AFP
Pjotr Werzilow nahm mittels Livezuschaltung an der Pressekonferenz zum Fall Nawalny teil.

Als Hintergrund für die Attacke vermutet er einen Zusammenhang mit seinen Recherchen über drei im Juli 2018 ermordete russische Journalisten in der Zentralafrikanischen Republik.

Sergej und Julia Skripal

Der ehemalige Doppelagent und seine Tochter Julia waren im März 2018 im englischen Salisbury dem in der Sowjetunion entwickelten Nervengift Nowitschok ausgesetzt worden. Beide entgingen nur knapp dem Tod.

Skripal und seine Tochter wurden bewusstlos auf dieser Bank gefunden. SN/APA (AFP)/BEN STANSALL
Skripal und seine Tochter wurden bewusstlos auf dieser Bank gefunden.

Westliche Geheimdienste beschuldigen die russische Regierung, den Anschlag als Vergeltung für Skripals Tätigkeit als Doppelagent veranlasst zu haben. Eine 44-jährige Britin, die später mit dem Nervengift in Kontakt kam, starb. Ihr Ehemann hatte eine Flasche augenscheinlich teuren Parfums in einem Mistkübel gefunden und es ihr geschenkt. Später stellte es sich als das Nervengift heraus.

Der Fall Skripal belastete die britisch-russischen Beziehungen stark. Die britischen Behörden machten Moskau für das Attentat verantwortlich.

Alexander Perepilitschni

Der russische Geschäftsmann und Informant starb 2012 beim Joggen in der Nähe von London, wohin er 2009 geflohen war. Die Polizei ging von einem Herzinfarkt des 44-Jährigen aus. Eine zwei Jahre später von seiner Lebensversicherung in Auftrag gegebene Untersuchung ergab jedoch, dass Spuren eines Gifts von einer chinesischen Pflanze namens Gelsemium in seinem Magen vorhanden waren.

Perepilitschni war ein möglicher Kronzeuge in der Affäre um den Tod eines russischen Anwalts im Jahr 2009.

Alexander Litwinenko

Der frühere russische Agent und Kremlkritiker starb 2006 im Exil in London an einer Vergiftung mit hochgradig radioaktivem Polonium.

Litwinenko starb wenige Wochen nach dem Anschlag an den Folgen der Strahlenkrankheit, die durch das Polonium verursacht wurde. SN/picturedesk
Litwinenko starb wenige Wochen nach dem Anschlag an den Folgen der Strahlenkrankheit, die durch das Polonium verursacht wurde.

Zuvor hatte er mit den russischen Geschäftsmännern und Ex-KGB-Agenten Dmitri Kowtun und Andrej Lugowoi Tee in einem Londoner Restaurant getrunken. Die britischen Behörden geben Moskau die Schuld, das jegliche Verantwortung bestreitet.

Viktor Juschtschenko

Im Jahr 2004 wurde der damalige Oppositionskandidat und spätere Präsident der Ukraine schwer krank. Österreichische Ärzte stellten drei Monate später eine Dioxinvergiftung beim Helden der sogenannten Orangen Revolution fest.

Der ehemalige ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko. SN/AP
Der ehemalige ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko.

Juschtschenkos Gesicht trägt bis heute die Spuren der Vergiftung. Angetreten war er gegen den russlandfreundlichen Kandidaten Viktor Janukowitsch.

Georgi Markow

Im September 1978 verspürte der oppositionelle bulgarische Schriftsteller an einer Londoner Bushaltestelle ein Stechen im Bein. Ein Mann, der eine Art Regenschirm fallen gelassen hatte, entschuldigte sich. Markow bekam kurz darauf hohes Fieber und starb vier Tage später im Krankenhaus.

Bei einer Obduktion wurde im Bein des Toten eine Platinkapsel mit dem Gift Rizin gefunden. Der Anschlag auf den Oppositionellen konnte nie vollständig aufgeklärt werden. Als wahrscheinliches Szenario gilt ein Anschlag des bulgarischen Geheimdienstes mit Unterstützung des sowjetischen KGB.

Anna Politkowskaja

Die russisch-amerikanische Journalistin berichtete über Kriegsverbrechen der russischen Armee im Zweiten Tschetschenienkrieg und war auf Kriegs- und Katastrophenberichterstattung spezialisiert. 2004 flog die Reporterin nach Beslan, um über eine Geiselnahme an einer Schule zu berichten. Auf dem Weg dorthin wurde sie plötzlich ohnmächtig, nachdem sie einen Tee getrunken hatte.

Nach der Ermordung Politkowskajas kam es in Russland zu Protesten.  SN/APA (AFP)/DENIS SINYAKOV
Nach der Ermordung Politkowskajas kam es in Russland zu Protesten.

Später im Krankenhaus wurde eine Vergiftung diagnostiziert, die Proben wurden aber vernichtet. Politkowskaja überlebte zwar den Vergiftungsanschlag, wurde aber 2007 im Lift ihres Wohnhauses erschossen.

Quelle: SN, Dop-Afp

Aufgerufen am 25.11.2020 um 09:10 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/fall-nawalny-diese-kremlkritiker-wurden-mutmasslich-auch-vergiftet-91946089

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