Weltpolitik

Fall Skripal: Moskau bestreitet Erhalt eines Gnadengesuchs

Der vergiftete russische Ex-Doppelagent Sergej Skripal soll den russischen Präsidenten Wladimir Putin in einem Brief um Begnadigung gebeten haben. Das sagte ein ehemaliger Schulkamerad Skripals der BBC in einem Interview, das am Samstag veröffentlicht wurde. "Er schrieb Wladimir Putin an und bat um ein vollständiges Pardon und die Erlaubnis, Russland besuchen zu dürfen", so Wladimir Timoschkow.

Moskau bestreitet jedoch, jemals einen Brief Skripals erhalten zu haben. "Nein, das ist nicht der Fall", antwortete Kremlsprecher Dmitri Peskow auf eine entsprechende Anfrage der russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti am Samstag.

Skripal und seine Tochter Yulia waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank im englischen Salisbury entdeckt worden. Die britischen Ermittler gehen davon aus, dass sie mit dem in der früheren Sowjetunion entwickelten Kampfstoff Nowitschok vergiftet wurden. Skripal wurde 2006 in Russland verurteilt und kam vier Jahre später im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach Großbritannien.

London macht Moskau für den Anschlag verantwortlich. Beide Länder haben bereits jeweils 23 Diplomaten der anderen Seite ausgewiesen. Die britische Regierung hofft, dass weitere EU-Staaten diesem Beispiel folgen werden.

Bulgarien, das aktuell die EU-Ratspräsidentschaft innehat, teilte unterdessen mit, keine russischen Diplomaten des Landes zu verweisen. Das erklärte das Außenministerium in Sofia am Samstag laut einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur BTA. Medien in den USA und Großbritannien hatten zuvor berichtet, Sofia bereite sich neben weiteren europäischen Staaten darauf vor, russische Diplomaten auszuweisen.

Die Europäische Union hatte sich auf ihrem Gipfeltreffen am Donnerstag und Freitag geschlossen hinter Großbritannien gestellt. Brüssel verschärfte die Tonlage gegenüber Moskau deutlich. In einer Erklärung der Staats- und Regierungschefs hieß es, Russland sei sehr wahrscheinlich für den Anschlag verantwortlich. Der EU-Botschafter wurde aus Moskau für Konsultationen nach Brüssel zurückbeordert. Der aus Deutschland stammende Diplomat Markus Ederer wurde dort am Wochenende zu Gesprächen mit der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini erwartet.

Am Samstag kritisierte Russland die Reaktion der EU-Staaten auf den Giftanschlag scharf. "Zu unserem großen Leidwesen haben wir es mit unberechenbaren und aggressiven Gegenüber zu tun", zitierte Ria Nowosti Präsidialamtssprecher Peskow. "Aber das ist die Realität, mit der wir leben müssen." Russland werde nicht nachlassen, seine Position bei den europäischen Ländern vorzubringen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat weitere Schritte gegen Russland nicht ausgeschlossen. Sie will sich dabei mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron abstimmen. Der russische Botschafter in Berlin hat Deutschland vor Maßnahmen gegen Moskau wegen des Giftanschlags auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal gewarnt.

"Wir hoffen sehr, dass unsere deutschen Partner nicht nach fremden Regeln spielen werden, dabei noch mit geschlossenen Augen. Das liegt kaum in unser aller Interesse", sagte Sergej Netschajew der Deutschen Presse-Agentur. "Die deutsch-russischen Beziehungen haben eine strategische Bedeutung", fügte er hinzu.

Skripal und seine Tochter befinden sich seit dem Anschlag in einem kritischen, aber stabilen Zustand. Die Ermittlungen in Salisbury dauern an. Die Parkbank, auf der die beiden gefunden wurden, wurde am Freitag als Beweismittel abtransportiert.

Die englische Gesundheitsbehörde aktualisierte am Samstag ihre Hinweise für Besucher zweier Lokale in Salisbury, in denen sich Skripal und seine Tochter vor ihrem Zusammenbruch aufgehalten hatten. Public Health England rief dazu auf, eventuell kontaminierte Kleidungsstücke und andere Gegenstände, die nicht gewaschen werden können, in Plastiksäcken verpackt von der Behörde abholen zu lassen. Trotzdem sei das Gesundheitsrisiko niedrig.

Russlands Botschafter Netschajew bestritt unterdessen jede Verwicklung Russlands in den Anschlag. "Massenvernichtungswaffen auf dem Staatsgebiet eines NATO-Mitgliedstaates vorzubereiten, wozu man ein professionelles chemisches Labor und Experten benötigt, wobei die Folgen unumkehrbar sein können - das ist nicht einmal aus der Welt von Science-Fiction, sondern eher der Psychiatrie", sagte er.

Quelle: Apa/Dpa/Ag.

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