Weltpolitik

Fidel Castro: Guerillero, Staatsmann und Frauenheld

Castro regierte fast fünf Jahrzehnte, nun starb er im Alter von 90 Jahren, sein Leichnam soll verbrannt werden.

Der Máximo Líder war schon oft für tot erklärt worden. Doch Kubas Revolutionsführer hielt sich zäh. Er trotzte in seiner Amtszeit zehn US-Präsidenten, installierte ein sozialistisches Regime direkt vor der Haustür des Erzfeindes, überlebte angeblich über 600 Mordanschläge. Gut drei Monate nach seinem 90. Geburtstag ist Fidel Castro nun am Freitag (Ortszeit) gestorben.

Nach offiziellen Angaben wird Fidel Castro Ruz am 13. August 1926 geboren. Er kommt in dem Ort Birán im Osten Kubas als unehelicher Sohn eines spanischstämmigen Großgrundbesitzers und dessen Hausangestellter zur Welt. Er geht mit den Kindern der Landarbeiter zur Schule und lernt schon als kleiner Junge die bittere Armut kennen, in der die meisten Kubaner leben.

Nach dem Abitur nimmt Castro ein Jura-Studium in Havanna auf. Sofort mischt er in der Uni-Politik mit, die von Gangstern und parteinahen Schlägertrupps dominiert wird. Mit seinen Ambitionen hält der junge Mann nicht hinter dem Berg. Er wolle "Ruhm und Glorie", beschreibt er in einem Gespräch mit Kommilitonen seine Lebenspläne. Vom spartanischen Revolutionär ist Castro damals noch weit entfernt: Er trägt Nadelstreifenanzug und fährt ein Cabriolet.

Nach dem Examen gründet er mit zwei Kollegen eine Anwaltskanzlei. Seine wahre Leidenschaft gilt allerdings längst der Politik. 1952 kandidiert er für einen Sitz im Kongress. Doch dann putscht General Fulgencio Batista und sagt die Wahlen ab. Damit verhindert er eine zivile Karriere des Politikers Fidel Castro und erschafft einen Revolutionär.

Überfall auf die Moncada-Kaserne

Mit einer Handvoll Getreuen überfällt Castro am 26. Juli 1953 die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba. Doch die Aktion ist dilettantisch geplant, die Soldaten schlagen die Attacke zurück. Castro wird vor Gericht gestellt und sagt in einer flammenden Verteidigungsrede: "Verurteilt mich, die Geschichte wird mich freisprechen."

Er wird zu 15 Jahren Haft auf einer Gefängnisinsel verurteilt, kommt dank einer Amnestie allerdings bereits nach zwei Jahren wieder frei. Mit seinem Bruder Raúl geht er nach Mexiko und baut dort einen Stoßtrupp auf, um die Revolution nach Kuba zu tragen. Im Exil lernt er seinen argentinischen Mitstreiter Ernesto "Che" Guevara und den kubanischstämmigen Militärexperten Alberto Bayo kennen, der ihn in die Feinheiten der Guerilla-Taktik einweiht.

Ende 1956 kehrt Castro an Bord der Jacht "Granma" und begleitet von 81 Kämpfern nach Kuba zurück. Nach zunächst schweren Verlusten macht die Revolutionsarmee immer mehr Boden gut und geht Ende 1958 in die Offensive. In der Silvesternacht flieht Diktator Batista, am Neujahrsmorgen 1959 verkündet Castro den Sieg der Revolution.

Mit harter Hand baut er Kuba um: Er lässt nicht nur ausländische Unternehmen beschlagnahmen, er enteignet auch seine eigene Familie. "Was zum Teufel macht Ihr mit meinem Land?", soll seine aufgebrachte Mutter Lina geschimpft haben. Gleichzeitig leitet Castro eine Bildungsoffensive ein und gewährt allen Bürgern Zugang zu kostenloser medizinischer Versorgung.

Mit der Landreform bringt er allerdings auch den mächtigen Nachbarn USA gegen sich auf. Washington verhängt ein Handelsembargo gegen die Karibikinsel und versucht mit der Invasion von bewaffneten Exilkubanern in der Schweinebucht das Ruder noch einmal herumzureißen. Einen neuen Verbündeten findet Castro in Moskau. Die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba bringt die Welt 1962 an den Rand eines Atomkriegs.

"Máximo Líder"

Castro ist nicht nur der unumstrittene "Máximo Líder" auf Kuba, sondern positioniert sich auch als wichtiger Führer der Bewegung der Blockfreien Staaten. "Er hat gezeigt, dass sozialistische Revolutionen in der Dritten Welt möglich sind", sagt Kuba-Experte Bert Hoffmann vom GIGA-Institut für Lateinamerika-Studien in Hamburg. "Kostenlose Bildung und Gesundheitsversorgung waren weltweit bewunderte Errungenschaften."

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stürzt Kuba in eine tiefe wirtschaftliche Krise. Viele Kubaner erinnern sich noch heute mit Schaudern an die Entbehrungen während der sogenannten Sonderperiode Anfang der 1990er Jahre. Durch eine Forcierung des Tourismus und eine Kooperation mit dem ölreichen Venezuela kann die sozialistische Regierung den Zusammenbruch schließlich verhindern.

Wegen einer komplizierten Operation tritt Fidel Castro am 31. Juli 2006 zunächst vorläufig zurück, zwei Jahre später wird sein Bruder Raúl dann offiziell als Staatschef bestätigt. Er hat nicht das Charisma seines großen Bruders, führt dessen politisches Projekt aber zunächst ohne große Brüche weiter.

Zuletzt kommentierte Fidel Castro das Weltgeschehen noch von Zeit zu Zeit in den Leitartikeln der Parteizeitung "Granma". Die Annäherung an den einstigen Erzfeind USA sah er zumindest kritisch. "Wir haben es nicht nötig, dass das Imperium uns was schenkt", schrieb Castro nach dem historischen Besuch von US-Präsident Barack Obama im März.

Die Ära Castro im Überblick

  • 1. Januar 1959: Kubas diktatorischer Präsident Fulgencio Batista flieht. Sieben Tage später feiern Fidel Castros Truppen den Einzug in die Hauptstadt Havanna.
  • 16. Februar 1959: Castro erklärt sich zum Ministerpräsidenten Kubas.
  • 17. Mai 1959: Castro unterzeichnet die Agrarreform, die den privaten Landbesitz der Bauern begrenzt und damit Großgrundbesitzer enteignet.
  • Februar 1960: Kuba unterzeichnet ein erstes Handelsabkommen mit der Sowjetunion.
  • Juni 1960: Die ersten US-Unternehmen auf Kuba werden verstaatlicht.
  • 15. April 1961: Castro verkündet den "sozialistischen Charakter" der Kubanischen Revolution. Zwei Tage später beginnt die Invasion der von den USA unterstützten Exilkubaner in der Schweinebucht, die innerhalb von 72 Stunden von den kubanischen Truppen niedergeschlagen wird.
  • 7. Februar 1962: Die USA verhängen ein totales Embargo über den Handel mit Kuba.
  • Oktober 1962: Die "Kubakrise" als Konfrontation der Supermächte USA und Sowjetunion bringt die Welt an den Rand eines Atomkriegs.
  • 3. Oktober 1965: Gründung der Kommunistische Partei Kubas. Fidel Castro wird erster Generalsekretär, sein Bruder Raúl Vize.
  • 13. März 1968: Kubas Führung beschließt die Verstaatlichung aller Einrichtungen, die sich noch in kubanischem Privatbesitz befinden.
  • 1972: Kuba schließt sich dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, der internationalen Organisation sozialistischer Staaten an.
  • 1976: Mit einer Verfassungsreform wird Fidel Castro gleichzeitig zum Regierungschef und Staatsoberhaupt Kubas.
  • 1990: Angesichts des zerfallenden Ostblocks setzt Kuba ein wirtschaftliches Notfallprogramm auf.
  • August 1993: Reformen sollen die Wirtschaftskrise abschwächen. Unter anderem wird die Arbeit auf eigene Rechnung und der Besitz von Dollars als Zahlungsmittel erlaubt.
  • Juni 2004: Die USA verschärfen ihr Embargo.
  • 31. Juli 2006: Fidel Castro gibt die Führung aus gesundheitlichen Gründen an seinen Bruder und Vize Raúl ab - zunächst nur vorläufig.
  • 18. Februar 2008: Fidel Castro tritt endgültig ab, Raúl wird kurz darauf Staatsoberhaupt und Regierungschef.
  • Mai 2010: Raúl Castro startet einen Dialog mit der katholischen Kirche, in dessen Folge 124 politische Gefangene freikommen.
  • 11. Juli 2010: Erstmals seit vier Jahren tritt Fidel Castro in Havanna wieder öffentlich auf.
  • Oktober 2010: Die Regierung erlaubt die Gründung von kleinen Privatgeschäften in rund 180 verschiedenen Berufen.
  • April 2011: Raúl Castro kündigt Wirtschaftsreformen an. Kubaner dürfen künftig kleine Geschäfte betreiben und Arbeitskräfte beschäftigen.
  • Oktober 2012: Die Regierung kündigt mehr Reisefreiheit an.
  • 24. Februar 2013: Raúl Castro gibt zu Beginn seiner zweiten Amtszeit bekannt, dass er die Präsidentschaft 2018 abgeben wird.
  • 17. Dezember 2014: Kuba und die USA verkünden die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen nach über 50 Jahren Unterbrechung. Die Vereinbarung zwischen Raúl Castro und US-Präsident Barack Obama wird weltweit als Meilenstein gefeiert.
  • 22. März 2016: Als erster amtierender US-Präsident seit fast 90 Jahren besucht US-Präsident Barack Obama Kuba.
  • 20. April 2016: Fidel Castro zeigt sich noch einmal auf dem Kongress der Kommunistischen Partei und sinniert über seinen eigenen Tod: "Wir alle kommen an die Reihe."
  • 13. August 2016: Fidel Castro wird 90 Jahre alt.
  • 25. November 2016: Fidel Castro stirbt im Alter von 90 Jahren in Havanna.
Quelle: SN

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