Weltpolitik

Französischer Premier lehnt nationales Burkini-Verbot ab

Im Streit um Ganzkörper-Schwimmanzüge für Musliminnen lehnt der französische Premierminister Manuel Valls ein nationales Verbot ab. Der Sozialist äußerte in der Regionalzeitung "La Provence" vom Mittwoch aber Verständnis für die Bürgermeister von Cannes und anderen Kommunen, die Burkinis an ihren Stränden verboten hatten. In Cannes droht Burkini-Trägerinnen ein Bußgeld von 38 Euro.

Französischer Premier lehnt nationales Burkini-Verbot ab SN/APA (AFP)/FETHI BELAID
Burkini lässt die Wogen hochgehen.

Burkinis seien keine neue Mode, sagte der Regierungschef. "Es ist die Übersetzung eines politischen Vorhabens, einer Gegen-Gesellschaft, insbesondere gestützt auf der Unterwerfung der Frau." Ein nationales Verbot sei aber nicht nötig. Valls erinnerte an die 2004 eingeführte Null-Toleranz-Linie für auffällige religiöse Symbole an französischen Schulen und das seit fünf Jahren geltende Burka-Verbot. Er kündigte eine neue Initiative an, damit das Gesetz gegen die Ganzkörper-Schleier in der Praxis auch angewendet wird.

Der Burkini bedeckt den ganzen Körper und wird von muslimischen Frauen getragen, die beim Baden einer strengen Auslegung des Islam entsprechen wollen. Ein erstes Verbot hatte der Bürgermeister von Cannes Ende Juli per Dekret erlassen. Strandbekleidung, die eine religiöse Zugehörigkeit offen zur Schau stelle, könne in Zeiten der terroristischen Bedrohung die öffentliche Ordnung gefährden, argumentierten die Stadtverantwortlichen. Der konservative Bürgermeister David Lisnard hält den Burkini - eine Wortschöpfung aus Burka und Bikini - gar für eine "Uniform, die das Symbol des islamistischen Extremismus ist". Eine Geldbuße in Höhe von 38 Euro droht Frauen, die im Burkini an den Strand gehen.

Menschenrechtsverbände und muslimische Gruppen protestierten zwar scharf gegen das Dekret, ein Verwaltungsgericht erklärte es aber für rechtmäßig. Am Dienstag kündigte auch der Bürgermeister des angesagten nordfranzösischen Badeortes Touquet an, Burkinis verbieten zu wollen. Die Verbote könnten allerdings bald Frankreichs Oberstes Verwaltungsgericht beschäftigen.

Danach folgte der Ort Sisco auf Korsika. Am Samstag gingen dort junge Korsen und Mitglieder von drei Familien nordafrikanischer Abstammung mit Fäusten, Flaschen und Steinen aufeinander los. Es gab fünf Verletzte, drei Autos gingen in Flammen auf, die Polizei musste mit einem Großaufgebot anrücken. Augenzeugen berichteten, Auslöser der Prügelei seien Touristen gewesen, die Frauen in Burkinis fotografiert hätten.

Der Bürgermeister von Sisco, Ange-Pierre Vivoni, kündigte kurze Zeit später für die Strände seiner Gemeinde ein Burkini-Verbot an. "Das ist nicht gegen die muslimische Religion gerichtet, sondern soll verhindern, dass sich Fundamentalismus verbreitet", sagte der Sozialist. "Ich bin absolut kein Rassist: Ich will die Bevölkerung schützen, und zwar auch die muslimische, denn sie sind die ersten Opfer extremistischer Provokationen." Mit Blick auf den Vorfall auf Korsika rief Premier Valls zur Ruhe auf. Eine Ermittlung soll den genauen Verlauf der Ereignisse klären.

Frankreich, wo mehr Muslime leben als in jedem anderen europäischen Land, tut sich schon lange schwer mit muslimischer Bekleidung. Viele befürchten die Bildung von Parallelgesellschaften und sehen die Würde muslimischer Frauen verletzt. Bereits 2004 verbot das laizistische Land das Tragen gut sichtbarer religiöser Symbole an staatlichen Schulen. Vor etwas über fünf Jahren trat dann ein umstrittenes Burka-Verbot in Kraft, seitdem darf der Ganzkörperschleier in der Öffentlichkeit nicht mehr getragen werden.

Anders als die Burka verhüllt der Burkini aber nicht den ganzen Körper, das Gesicht beispielsweise bleibt frei. Auch ist der Ganzkörperbadeanzug an Frankreichs Stränden doch ein eher seltenes Phänomen, und nichts sagt, dass er nur von religiösen Eiferern getragen wird. Doch nachdem Frankreich in diesem Sommer von zwei neuen islamistischen Anschlägen erschüttert wurde, ist die Stimmung besonders angespannt.

Und während sich manch ein Zeitungskommentator wundert, eigentlich solle doch jeder so bekleidet baden dürfen, wie er wolle, sehen viele Kommentatoren die Burkinis als "Provokation", als "Symbol des islamistischen Fundamentalismus". "Es ist die Badeversion der Vollverschleierung", schreibt die Regionalzeitung "Le Journal de la Haute-Marne", und die "Dernieres Nouvelles d'Alsace" schreiben, mit Religionsfreiheit habe das Tragen des Burkini nichts zu tun.

Quelle: Apa/Ag.

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