Weltpolitik

"Heimspiel" für Van der Bellen beim Staatsbesuch in Estland

Vor seiner Rückreise nach Österreich wird Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Sonntag noch den letzten Wohnort seiner Eltern in Tallinn besuchen. Am Samstag hatte er auf der Insel Saaremaa Orte mit Familienbezug besucht - privat, aber in Begleitung von Amtskollegin Kersti Kaljulaid. Van der Bellens estnische Wurzeln spielten während seines viertägigen Aufenthalts eine zentrale Rolle.

Bundespräsident im Herkunftsland seiner Eltern SN/APA (BUNDESHEER/Karlovits)/CARIN
Bundespräsident im Herkunftsland seiner Eltern

Die Familiengeschichte des österreichischen Bundespräsidenten verwandelte den offiziellen Besuch in der Republik im Baltikum nicht nur für Van der Bellen selbst in eine ganz besondere Causa. Erstmals in der Geschichte Estlands war ein ausländisches Staatsoberhaupt angereist, das aus estnischer Sicht als Este gilt.

Nicht nur, dass Staatspräsidentin Kaljulaid wiederholt auf die Wurzeln Van der Bellens zu sprechen kam. Premierminister Jüri Ratas begrüßte den Staatschef in "unserem" Land und machte körpersprachlich klar, dass sich dies explizit auch auf den Gast aus Österreich bezieht.

"Ich zweifle zwar, dass er das als Präsident will: So er es wünschen würde, bekäme er automatisch die estnische Staatsbürgerschaft", begrüßte ihn am Freitag auch der Moderator der Lennart-Meri-Konferenz, die Van der Bellen mit einer Festrede eröffnete.

Aber auch der Umstand, dass Präsidentin Kaljulaid ihr österreichisches Gegenüber nicht nur mit militärischen Ehren empfing, sondern dass sie im offiziellen Teil des Besuchs am Donnerstag sowie Freitag gleich gemeinsam mit ihm vier Mal öffentlich auftrat und schließlich sogar als private Reiseführerin auf der Insel Saaremaa fungierte, wurde in der Delegation des Bundespräsidenten als ungewöhnliches Zeichen einer ganz besonderen Wertschätzung interpretiert.

Freilich hatte die freundliche Aufnahme auch einen geschichtspolitischen Hintergrund: Estland feiert 2018 mit viel Verve das 100-Jahres-Jubiläum jener Unabhängigkeit, die 1940 von den Sowjets ausgelöscht und erst 1991 wieder hergestellt werden konnte. Es unterstreicht dabei beständig die Kontinuität zwischen dieser ersten Republik der Zwischenkriegszeit und dem nunmehrigen EU-Mitgliedstaat.

Die Geschichte von Van der Bellens Eltern, die Tallinn 1941 auch aus Angst vor sowjetischen Repressionen verlassen hatten, fügt sich ausgezeichnet in diesen offiziellen Narrativ und lässt den Bundespräsidenten nahezu als heimkehrenden verlorenen Sohn der estnischen Nation erscheinen.

Van der Bellen selbst beschäftigte sich nach Ende des offiziellen Teils seiner Visite intensiv mit Geschichte seiner Familie. Stundenlang sprach er am Freitagabend unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit den Nachkommen seines Onkels Konstantin Bellen. Dieser hatte im Unterschied zu seinem Vater Estland aus familiären Gründen seinerzeit nicht verlassen und war wahrscheinlich auch bedingt durch seinen Beruf als Arzt von Repression verschont geblieben. Am Samstag standen auf der Saaremaa insbesondere Besuche der Dörfer Kihelkonna und Pidula am Programm, wo die Eltern des Bundespräsidenten geheiratet und in den Neunzehndreißiger-Jahren zunächst auch gewohnt hatten.

Quelle: APA

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