Weltpolitik

In Syrien kommt das Leid per Flugzeug

In der syrischen Provinz Idlib bombardieren russische und syrische Streitkräfte seit sechs Wochen die medizinische Infrastruktur. Aber auch Türken und Amerikaner mischen mit.

Syrische Regierungstruppen bombardieren die Stadt al-Habeet. SN/AP
Syrische Regierungstruppen bombardieren die Stadt al-Habeet.

Seit Tagen landen auf dem russischen Luftwaffenstützpunkt nahe der syrischen Hafenstadt Latakia wieder die größten Transportmaschinen der Welt: Die Rückkehr der Antonow 124 wertet die syrische Opposition als böses Omen. Auch im Sommer 2016 hatten die Russen ihre Riesenvögel eingesetzt, um Tausende Tonnen Kriegsmaterial nach Syrien zu bringen. Das Ergebnis war - aus Sicht der Rebellen - der Verlust ihrer Hochburg Aleppo. Im Häuserkampf um die Millionenstadt waren Tausende Zivilisten gestorben. 300.000 Menschen flüchteten.

Drei Jahre später soll mit der Provinz Idlib die letzte Zufluchtsregion der Opposition von "Terroristen" befreit werden, wie es in Damaskus heißt - aber nicht ganz mit den Tatsachen übereinstimmt. Es trifft zu, dass die an die Türkei grenzende Provinz von der dem Terrornetzwerk Al Kaida nahestehenden Miliz Hayat Tahrir al-Scham (HTS) kontrolliert wird. Mit ihr verbündet sind chinesische und zentralasiatische Dschihadisten. Sie verschanzen sich oft hinter Zivilisten.

Dass die rund drei Millionen Zivilisten in Idlib buchstäblich mit dem Rücken zur Wand stehen, da die Türkei ihre Grenzen hermetisch abgeriegelt hat, spielt für die Streitkräfte Assads und Putins jedoch keine Rolle. Unbarmherzig bombardieren sie seit sechs Wochen auch die zivile Infrastruktur, weil sie wissen, dass ohne Kliniken Verletzte, ob Zivilisten oder Milizsoldaten, nicht behandelt werden können. 25 Spitäler und medizinische Einrichtungen seien in einem Monat zerstört worden, berichtet Sahid al-Masri vom Bündnis syrischer Nichtregierungsorganisationen.

Fast 700 Zivilisten seien in der Zeit bei Bombenangriffen getötet worden. Überprüfen lassen sich diese Zahlen nicht. Um die meist schweigende Weltöffentlichkeit zu alarmieren, warf der Chef der syrischen Weißhelme, Raid al-Salih, am vergangenen Freitag in Istanbul den Regimen in Moskau und Damaskus vor, in seinem Heimatland "Verbrechen von unfassbaren Ausmaßen" begangen zu haben.

Tatsächlich sind die Grauen des Kriegs und die entsetzlichen Leiden der Zivilbevölkerung kaum in Worte zu fassen. Die Beschreibung eines von Granaten zerfetzten Hauses bleibt in der Regel unzureichend. Nahezu unmöglich ist auch, die wahnsinnige Angst der Menschen vor der Rückkehr der syrischen Armee und der Geheimdienste wirklich zutreffend zu schildern.

Das humanitäre Desaster, das sich in Nordsyrien "vor unseren Augen abspielt", sagte unlängst die stellvertretende Nothilfekoordinatorin der Vereinten Nationen, Ursula Müller, in New York, sei "vorhersehbar und abwendbar gewesen". Doch niemand im Westen habe sich gerührt. Die Menschen würden ihrem Schicksal überlassen.

Nicht nur den Syrern und Russen, sondern auch Türken und Amerikanern ist vorzuwerfen, in Syrien zum wiederholten Mal mit gezinkten Karten zu spielen. Ursprünglich hatten sich Moskau, Ankara und Damaskus im Abkommen von Sotschi darauf verständigt, um die Provinz Idlib eine Deeskalationszone zu schaffen. Die Vereinbarung sah auch die Entwaffnung der Dschihadisten durch die türkische Armee vor, die jedoch das genaue Gegenteil tat. Über die mit Ankara verbündeten Milizen der sogenannten Freien Syrischen Armee wurden amerikanische Lenkwaffen, Raketenwerfer und gepanzerte Fahrzeuge an den HTS geliefert. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert eine westliche Geheimdienstquelle, wonach Ankara für seine Waffenlieferungen "grünes Licht aus Washington" bekommen habe.

Das Vorgehen zeigt, dass auch die Türken und Amerikaner kein wirkliches Interesse an einer Befriedung der Provinz Idlib haben und bei ihrem Streben nach Macht und Einfluss im Norden Syriens die entsetzlichen Leiden der Zivilbevölkerung ebenfalls ignorieren.

Aufgerufen am 25.11.2020 um 06:11 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/in-syrien-kommt-das-leid-per-flugzeug-71173870

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