Weltpolitik

IS bekannte sich zu Anschlag auf Istanbuler Nachtclub

Die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) hat sich zu dem Anschlag auf einen bekannten Nachtclub in Istanbul bekannt. Der Schütze sei ein "heldenhafter Soldat des Kalifates", erklärte die Gruppe am Montag über den Messaging-Dienst Telegram. Von den türkischen Behörden gab es zunächst keine Stellungnahme.

Türkische Polizisten am Eingang des Nachtclubs, der in der Silvesternacht Schauplatz eines Anschlags wurde. SN/APA/AFP/YASIN AKGUL
Türkische Polizisten am Eingang des Nachtclubs, der in der Silvesternacht Schauplatz eines Anschlags wurde.
Trauer um jene 39 Personen, die bei einem Anschlag in einem Nachtclub in Istanbul ums Leben kamen. SN/APA/AFP/YASIN AKGUL
Trauer um jene 39 Personen, die bei einem Anschlag in einem Nachtclub in Istanbul ums Leben kamen.

Bei den Ermittlungen zu dem Anschlag nahm die türkische Polizei laut Medienberichten acht Verdächtige fest. Weitere Angaben zu den am Montag gefassten Verdächtigen machte die Nachrichtenagentur Dogan zunächst nicht. Laut Dogan setzt die Polizei ihre Fahndung fort, der Attentäter selbst sei offenbar weiter auf der Flucht.

Der flüchtige Täter hatte in der Silvesternacht das Feuer auf Gäste des Promiclubs "Reina" am Bosporus eröffnet und mindestens 39 Menschen erschossen, darunter viele Ausländer. Österreicher sind keine unter den Opfern. Es seien Österreicher im Club anwesend gewesen, sie seien aber unverletzt, so Außenminister Sebastian Kurz im "Ö1-Morgenjournal" am Montag. Sie wurden bei ihrer Ausreise unterstützt.

Die Türkei wird immer wieder von Anschlägen des IS und kurdischer Extremisten erschüttert. Die Streitkräfte des NATO-Staates versuchen im Moment in Nordsyrien, Aufständische des IS und kurdischer Gruppen von der Grenze zurückzudrängen. Bei der Offensive wurden seit Sonntag nach Angaben der Armee 22 Jihadisten unter anderem durch Luftangriffe und Artilleriebeschuss getötet.

Den Anschlag in Istanbul begründete der IS damit, dass die Türkei "Schutzherrin des Kreuzes" sei. Das Blut von Muslimen, das mit Hilfe von Flugzeugen und Artillerie vergossen werde, entfache in der Türkei selbst ein Feuer, erklärte der IS weiter.

Zeugen zufolge benutzte der Täter ein Schnellfeuergewehr und rief "Allahu akbar" (Allah ist groß). Die Polizei fahndet nach dem Mann und veröffentlichte ein Foto des Verdächtigen, das von einem Überwachungsvideo stammt. Der Zeitung "Hürriyet" zufolge gehen die Behörden davon aus, dass der Täter Verbindungen zum IS hat und aus einem zentralasiatischen Land stammt; der flüchtige Attentäter könnte demnach aus Kirgistan oder Usbekistan stammen.

Laut einem "Hürriyet Daily News"-Bericht wurden viele Opfer durch gezielte Kopfschüsse getötet. Insgesamt habe der Attentäter mehr als 180 Schüsse abgegeben und dabei sechs Mal das Magazin gewechselt. Dies berichtete die Zeitung unter Berufung auf Ermittler, die Videobilder des Angriffs auf die Diskothek ausgewertet hatten.

Demnach traf der unbekannte Täter, der ein grünes Hemd, dunkle Hosen und schwarze Stiefel trug, mit einem Taxi aus dem Istanbuler Stadtteil Zeytinburnu ein. Wegen des dichten Verkehrs in Ortaköy, wo der Club liegt, sei er ausgestiegen und die letzte Strecke zu Fuß gelaufen, berichtete die Zeitung. Um 01.20 Uhr wurde er demnach dabei gefilmt, wie er einen Polizisten und einen Zivilisten vor dem Eingang mit einem Gewehr erschoss.

Die Zeitung zitierte Ermittler mit der Aussage, der Angreifer habe im Umgang mit seiner Waffe professionell gewirkt. Demnach ging er im "Reina" zunächst nach oben, bevor er in das untere Stockwerk zurückkehrte. Laut Augenzeugen tötete er auch am Boden liegende Menschen durch Kopfschüsse. Schließlich sei er in die Küche gegangen, wo er rund 13 Minuten geblieben sei, die Kleidung gewechselt und seinen Mantel zurückgelassen habe.

Dem Bericht zufolge entkam der Mann in der allgemeinen Panik nach dem Angriff unerkannt. Laut "Hürriyet Daily News" nahm er ein Taxi, stieg aber nach kurzer Strecke wieder aus, weil er dem Fahrer sagte, dass er kein Geld bei sich habe. Demnach wurden 500 Lira in der Tasche des Mantels gefunden, den er am Anschlagsort zurückließ. Seitdem fehlt von ihm jede Spur.

"Hürriyet" berichtete am Montag unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, es gebe Hinweise darauf, dass der Angriff auf den Club von derselben IS-Zelle ausgeführt worden sei wie der Anschlag auf den Istanbuler Atatürk-Flughafen. Bei dem Angriff auf den größten Flughafen des Landes hatten sich im Juni Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Sie rissen 45 Menschen mit in den Tod. Die türkische Regierung machte den IS dafür verantwortlich, der sich nicht dazu bekannte.

Nach dem Anschlag auf den Istanbuler Club hat ein Zusammenschluss aus Organisationen Strafanzeige gegen den Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet gestellt. Die von Diyanet vor dem Angriff herausgegebene Freitagspredigt habe das Volk zu "Hass und Feindschaft" aufgewiegelt, heißt es zur Begründung, wie die Nachrichtenagentur DHA am Montag berichtete.

Daher sei gegen den Chef der Behörde, Mehmet Görmez, bei der Staatsanwaltschaft in Ankara Anzeige erstattet worden. Die Behörde habe zudem die öffentliche Sicherheit gefährdet und gegen die in der türkischen Verfassung verankerten Grundprinzipien des Laizismus verstoßen. In der von Diyanet herausgegebene Predigt vom 30. Dezember wurden die Feiern zum Neujahrsfest als unislamisch kritisiert.

Die türkischen Behörden gehen nach eigenen Angaben im Land selbst gegen die Jihadisten vor. So seien innerhalb einer Woche 147 Verdächtige wegen mutmaßlicher Verbindungen zum IS festgenommen worden, teilte das Innenministerium mit. Gegen 25 von ihnen seien Haftbefehle erlassen worden. Nach dem Anschlag hatte Görmez die Tat umgehend scharf verurteilt. Ein solches "Massaker" sei mit "keinem muslimischen Gewissen" vereinbar, hieß es in einer Mitteilung.

Im Nachbarland Syrien will die Türkei unter anderem die vom IS beherrschte Stadt Al-Bab einnehmen und belagert den Ort gemeinsam mit verbündeten Rebellengruppen. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat angekündigt, den IS auch aus Raqqa zu vertreiben. Die Stadt ist in Syrien faktisch die Hauptstadt der Islamisten.

Auch im benachbarten Irak steht der IS unter Druck: Dort versucht die Armee mit internationaler Hilfe, den IS aus der Millionenstadt Mosul zu vertreiben. Die Jihadisten leisten jedoch erbitterten Widerstand und überziehen das Land mit einer Anschlagswelle. Erst am Montag tötete eine Selbstmordattentäter im Bagdader Stadtteil Sadr-Stadt 24 Menschen. Der IS bekannte sich zu dem Anschlag über sein Sprachrohr Amak.

(Apa/Dpa/Ag.)

Aufgerufen am 13.12.2017 um 08:29 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/is-bekannte-sich-zu-anschlag-auf-istanbuler-nachtclub-565180

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