Weltpolitik

Israels Äthiopier gehen gegen Polizeigewalt auf die Straße

Dienstagabend wurde Israel erschüttert: Der Traum der geeinten jüdischen Nation in Israel ging in Flammen auf, als tausende schwarze Israelis gegen Rassismus protestierten und das Land für Stunden lahmlegten.

In der Nacht auf Mittwoch eskalierte die Gewalt in Israel: Mehr als 47 Personen wurden verletzten, mehr als 60 verhaftet, vier Autos in Brand gesteckt.  SN/APA/AFP/JACK GUEZ
In der Nacht auf Mittwoch eskalierte die Gewalt in Israel: Mehr als 47 Personen wurden verletzten, mehr als 60 verhaftet, vier Autos in Brand gesteckt.

Dienstagabend wurde Israel erschüttert: Der Traum der geeinten jüdischen Nation in Israel ging in Flammen auf, als tausende schwarze Israelis gegen Polizeigewalt und Rassismus protestierten und das Land für Stunden lahmlegten.

Die Eltern des 17 Jahre junge Mädchens wissen nicht, dass sie einen Bus von der zwei Fahrstunden entfernten Stadt Kiriat Gat nach Tel Aviv genommen hat, um zu demonstrieren. "Sie hätten mir nie erlaubt, herzukommen. Sie haben Angst um mich", erklärt sie und hastet in eine wütende Menge. Die Sorge der Eltern hat einen Grund: Ihr Kind ist schwarz. Das hebt in Israel offenbar das Risiko, von Polizisten erschossen zu werden. Dagegen protestiert die junge Jüdin, deren Eltern aus Äthiopien einwanderten, Dienstagabend gemeinsam mit tausenden schwarzen Israelis: "Schluss mit dem Töten, Schluss mit dem Rassismus", skandierte die Menge, und sperrte Tel Avivs wichtigste Autobahn mitten im abendlichen Berufsverkehr.

Am zweiten Tag gewaltsamer Proteste waren zwölf Autobahnen im Land stundenlang gesperrt, mehr als 50.000 Bürger auf dem Heimweg wurden Opfer eines seit Jahrzehnten schwelenden gesellschaftlichen Problems. Als die Polizei eingriff, flogen melonengroße Pflastersteine auf Beamte. Hundertschaften und Reiter trieben die Demonstranten in Tel Aviv mit Blendgranaten auseinander. Am Tag darauf zog Israel erschüttert Bilanz: Es war eine der gewaltsamsten Nächte seiner Geschichte. Mehr als 47 Personen wurden verletzten, mehr als 60 verhaftet, vier Autos in Brand gesteckt.

Die Demonstrationen legen eine alte Wunde offen. Ende der 1980er Jahre holte Israels Regierung zehntausende äthiopische Juden ins Land, um sie vor Hunger und Verfolgung zu retten. Stolz hielt die Regierung sich damit an den Nationalethos, der Juden, egal welcher Herkunft, als solidarische Schicksalsgemeinschaft und Israel als ihre letzte Zuflucht betrachtet. Doch 30 Jahre nach dem euphorischen Empfang kämpfen Israels schwarze Juden gegen Rassismus, vor allem im Verhalten der Polizei.

Rund ein Dutzend wurden in vergangenen Jahren von Beamten unter fragwürdigen Umständen ermordet. Am Sonntag wurde der 19 Jahre alte Salomon Teka von einem Polizisten erschossen. Noch wird ermittelt, ob der angemessen handelte. Doch der Umstand, dass er noch während der Ermittlungen freigelassen wurde, brachte die Äthiopier auf die Barrikaden. Ähnlich wie die "Black lives matter" Bewegung die USA polarisiert, gingen sie nun auch spontan zu gewaltsamen Protesten über - gegen die Polizei und eine Regierung, der es nach rund 30 Jahren nicht gelingt, ihre schwächsten Bürger erfolgreich zu integrieren.

Rund 150.000 äthiopische Juden leben heute in Israel. Sie bilden die unterste soziale Schicht. Nur rund 20 Prozent haben einen Schulabschluss - halb so viel wie die allgemeine Bevölkerung. Ihr Einkommen liegt 35 Prozent unter dem Landesdurchschnitt. Laut Forschungsberichten haben schwarze Juden bei gleicher Ausbildung schlechtere Chancen, einen Job oder eine Beförderung zu bekommen.
Nichts führt die Diskriminierung jedoch deutlicher vor Augen als der Umgang mit der Polizei: "Im Alltag erfahre ich kaum Rassismus", beteuert Benjamin, ein 22 Jahre alter Demonstrant aus einem Vorort Tel Avivs, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung sehen möchte. Er wurde in Israel geboren, diente als Offizier in einer Infanterieeinheit. "Aber wenn ich abends mit Freunden im Park sitze, um eine Zigarette zu rauchen, kommen Polizisten und bedrängen uns."

Oft habe er Strafanzeigen wegen "Störung der öffentlichen Ruhe" bekommen, Kostenpunkt 125 Euro: "Dabei war ich ganz ruhig, während auf der Parkbank gegenüber weiße Jugendliche grölten aber nicht behelligt wurden." Seine Schlussfolgerung: "Die Polizisten wollen uns verdrängen, weil sie wissen, dass wir das schwächste Glied der Gesellschaft sind."

Wie dieser Umstand geändert werden soll, scheint jedoch niemand zu wissen. Die Regierung investierte Milliarden in die Integration der Äthiopier, die ohne Bildung, Sprachkenntnisse oder Startkapital ins Land kamen. Die Probleme bestehen aber weiter fort. Die Selbstmordrate unter Äthiopiern ist hoch, sozialer Aufstieg schwer und selten. Vorurteile bleiben verbreitet. Offenbar ratlos hielt Israels Staatsführung stundenlang still, ließ die Demonstranten gewähren, um keine Zusammenstöße mit der Polizei zu provozieren. "Wir alle trauern um den tragischen Tod von Solomon Tekah", sagte Netanjahu schließlich in der Nacht in einem Video, und gestand: "Ich weiß, dass es Probleme gibt, die gelöst werden müssen. Wir haben hart gearbeitet und müssen mehr arbeiten, um sie zu lösen." Der Premier fügte zugleich eine Warnung hinzu: "Ich bitte euch eines: Hört auf, die Straßen zu blockieren. Wir sind ein Rechtsstaat. Wir werden die Sperrung von Straßen nicht dulden."

Staatspräsident Reuven Rivlin rief dazu auf, die Ermittlungsergebnisse im Falle von Tekas abzuwarten um "den nächsten Tod zu verhindern, und die nächste Demütigung." Rivlin betonte, dass alle Israelis "Brüder und Schwestern" seien. "Wir sind alle heimgekommen, wir sind alle gleich."

Die junge äthiopische Demonstrantin überzeugte er damit nicht. Sie ist nach den Zwischenfällen entschlossen, den Wehrdienst zu verweigern. "Das hier ist nicht mehr mein Land", sagt die junge schwarze Israelin, kurz bevor sie sich auf die Autobahn setzt, um sie zu blockieren. Auch Benjamin will so lange weiterdemonstrieren, bis eine "umfassende Lösung gefunden wird."

In der Polizei wächst die Furcht, dass die Gewalt bei den Portesten eskalieren könnte. Bei den Demonstrationen wurden neben Steinen von Demonstranten auch Brandsätze eingesetzt, so der Minister für Innere Sicherheit. Und es längen Informationen vor, dass extreme Elemente planten, Schusswaffen gegen Polizisten einzusetzen. Israels Polizei und die äthiopischen Demonstranten sich deshalb am Mittwoch auf weitere gewaltsame Zusammenstöße in den kommenden Tagen vor.

Quelle: SN

Aufgerufen am 24.08.2019 um 03:50 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/israels-aethiopier-gehen-gegen-polizeigewalt-auf-die-strasse-72910711

Kommentare

Schlagzeilen