Weltpolitik

Karl Lauterbach: Deutschlands oberster Mahner in Coronafragen

Warum Karl Lauterbach so beliebt ist wie kaum ein anderer Minister und doch viele Feinde hat.

Karl Lauterbach wirkt zeitweilig wie ein zerstreuter Professor.  SN/AP
Karl Lauterbach wirkt zeitweilig wie ein zerstreuter Professor.

Es gibt einen Witz über Karl Lauterbach, der erahnen lässt, weshalb Kanzler Olaf Scholz mit sich gerungen hat, ihn zum Gesundheitsminister zu ernennen. Lauterbach, so beginnt der Witz, trifft auf der Straße einen kleinen Buben. "Wie alt bist du?", fragt Lauterbach. "Acht", entgegnet der Bub. Worauf Lauterbach meint: "In deinem Alter war ich schon neun!"

Lauterbach gilt als Besserwisser, Einzelkämpfer und Exzentriker. Der Obermahner und Dauergast in Talkshows nervte mit seinen apokalyptischen Coronaprognosen und seinen mantraartig vorgetragenen Aufrufen für Lockdowns, Kneipenschließungen und Ausgangssperren manch einen Parteigenossen. Und vermutlich regte sich auch Scholz gelegentlich über das Vorpreschen seines SPD-Kollegen auf.

Doch der Neukanzler hatte keine Wahl, als Lauterbach bei der Vergabe der Ministerien zu berücksichtigen. Schließlich ist der Gesundheitsökonom und Epidemiologe der Experte für Gesundheitsfragen schlechthin. Druck übte nicht zuletzt die Twitter-Gemeinde aus. Unter dem Hashtag #wirwollenkarl wurde für Lauterbach als Gesundheitsminister geworben.

Dass ausgerechnet auf Twitter viele seiner Fans sind, ist keine Überraschung. Über den Kurznachrichtendienst feuert Lauterbach seine Erkenntnisse und Mahnungen seit Beginn der Pandemie in die Welt hinaus. Als einfacher SPD-Abgeordneter - seit 2005 sitzt Lauterbach im Bundestag - hatte er einige Tausend Follower, heute sind es über 830.000. Kanzler Olaf Scholz folgen gerade einmal 350.000 Twitter-Nutzer.

Nun führt Lauterbach, Vater von fünf Kindern, der aus einfachen Verhältnissen stammt und der den akademischen Weg aus eigenem Antrieb absolvierte, eines der wichtigsten Ministerien in der deutschen Ampelregierung - besonders in Pandemiezeiten.

Wer wie Lauterbach auch unbequeme Informationen verbreitet, polarisiert. Der 58-Jährige, der bisweilen wirkt wie ein zerstreuter Professor und beim Reden öfter nuschelt, hat viele Feinde im Land. Er bekommt Morddrohungen, zu Silvester wurde die Scheibe seines Büros im Wahlkreis in Nordrhein-Westfalen eingeschlagen. Schon zuvor wurden dort Parolen wie "Krankheitsminister" oder "Psycho Karl" an die Wände geschmiert.

Doch die Tatsache, dass Lauterbachs Fangemeinde seit einiger Zeit angewachsen ist und er die Beliebtheitsskala vor Kanzler Scholz anführt - 66 Prozent der Deutschen sind einer Umfrage zufolge zufrieden mit der Arbeit des Gesundheitsministers -, ist klares Indiz, dass die zunehmend aggressiver auftretenden Maßnahmengegner und Impfskeptiker eine laute Minderheit sind. 73 Prozent der Befragten äußerten in der gleichen ARD-Umfrage, dass die derzeitigen Coronamaßnahmen angemessen oder gar zu milde seien.

Dass der Obermahner Deutschlands so beliebt ist, liegt auch an der Art, wie sich Lauterbach gibt. Er mag manchmal nerven, aber er besitzt Charme und die Fähigkeit zur Selbstironie. "Übertreibt es nicht. Ich sehe euch. Grüße, euer Karl", twitterte er zu Silvester ein bearbeitetes Foto, auf dem zu sehen ist, wie er durch eine Scheibe in eine Wohnung blickt.

Aufgerufen am 18.05.2022 um 11:56 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/karl-lauterbach-deutschlands-oberster-mahner-in-coronafragen-115221688

Kommentare

Schlagzeilen